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Beerdigung (Textauszug aus dem Buch)

Josef steht am offenen Grab seiner lieben Freundin und schaut auf ihren Sarg hinunter. Das Loch sieht so gruselig, dunkel und unnahbar aus. Es ist nur ihr Körper, der da unten verrotten wird, sagt er sich und lässt bedächtig Erde auf das Rosenbukett hinunterrieseln. Ein kalter Schauer lässt ihn erzittern, unwillkürlich zieht er die Schultern hoch, während er den Kragen des Mantels hochschlägt. Eilends drückt er die Schaufel dem Nächsten in die Hand und zieht sich in den Schatten einer alten Eiche zurück, ein wenig abseits von der Menschenansammlung. Mit schwerem Herzen schaut er zu Maria, Thomas und Susanne, die von all den Leuten, die Käthe kannten, Beileidsbekundungen entgegennehmen. Er schluckte gegen seine Trauer an. Erst die Eltern, dann die einzige Bezugsperson.  Selbst, wenn sie inzwischen erwachsen sind, wird das eine weitere Narbe in ihren Herzen hinterlassen. Ob die drei an eine höhere Macht und ein Weiterleben nach dem Tod glauben? Er schüttelt kaum merklich seinen Kopf. Wahrscheinlich nicht, selbst er glaubt nicht einmal an das Schicksal.

Im letzten Krieg in Sonthofen geboren, musste er sehr früh lernen: Vertraue nur dir und deiner eigenen Kraft. Es waren harte Zeiten mit vier Geschwistern und ohne Vater. Als Zweitältester war er für die Familie verantwortlich, da sein Bruder schnellstmöglich mit der wohlhabenden Käthe verheiratet wurde. Alle sind sie durchgekommen! Nur sein Herz trägt seitdem eine tiefe Narbe. Seine Gedanken schweifen ab in die Zeit, als er in einem Urlaub mit Käthe heimlich Zeit an der Ostsee verbracht hatte.

Die Wellen klatschten schwach an den langen Sandstrand. Es war Hochsommer, der Himmel wolkenlos, den Tag über hatten sie gebadet, viel geredet und am Strand nach den schönsten Muscheln gesucht. Nun glomm die Sonne bereits orangefarben und es kühlte merklich ab. Er fröstelte, zog die Decke über seine und ihre nackten Füße und war froh, den grünen Wollpullover an zu haben, den ihm Käthe gestrickt hatte. Ein Geschenk zum Nikolaus. Gott, wie lange war das her. 

Josefs Augen füllen sich schon wieder mit Tränen. Du alter, sentimentaler Mann, schimpft er stumm mit sich. Er trauert schon viel zu lange um seine liebste Käthe. Warum hast du mich nur hier zurückgelassen? Aber war er denn wirklich allein? Vielleicht schaut sie von oben auf ihn herab? Sie ist auf jeden Fall im Himmel gelandet, die Gute. Schnell verlässt er den Friedhof, bevor er vor der versammelten Mannschaft in Tränen ausbricht.

Auf seinem Tisch zuhause liegt ein altes Buch aus Pergament. Blass, braunfleckig, beide Deckel leicht aufgewölbt, die Seiten mit blauen Lettern versehen. Die altdeutsche Schrift kann heutzutage keiner mehr lesen. Das Buch, der Pullover und ein paar schwarz-weiße Fotos sind alles, was ihm von ihr geblieben ist. „Meine liebste Käthe …“, lässt er den Satz unvollendet. 

Foto: Photo by Joachim Schnürle on Unsplash

Am Strand von Travemünde hatte er sie zum ersten Mal gesehen. Bildhübsch, jung, mit langen blonden Haaren, sonnengebräunter Haut und mit einem enganliegenden weißen Kleid, saß sie auf einem großen Handtuch und war in dieses Buch vertieft. Die lärmenden Urlauber um sich herum schien sie nicht wahrzunehmen. Er setzte sich neben sie, nicht zu nah, um aufdringlich zu wirken, aber auch nicht zu weit weg, um die Möglichkeit zu haben, sie anzusprechen.

Und das wollte er unbedingt! Eine gefühlte Ewigkeit saß er starr und beobachtete aus den Augenwinkeln, ob sich eine Gelegenheit ergab. Kurz bevor die Sonne im Wasser versank, schaute sie hoch und betrachtete verwundert die wuselnden Urlauber um sie herum. Ihre Blicke trafen sich. Jetzt oder nie, sagte er zu sich.

„Was ist das für ein interessantes Buch, das Sie so in den Bann zieht?“, fragte er.

Ihre Augen blieben an ihm hängen. Mit einer Hand schirmte sie die Augen ab und musterte ihn ein paar Sekunden lang. Klappte dann langsam das Buch zu, strich ein paar Sandkörner vom Einband und drehte sich leicht in seine Richtung.  

„Das sind alte deutsche Legenden geschrieben von Richard Benz, die limitierte Vorzugsausgabe von 1910.“

Dabei lächelte sie beinahe kühl, mit der Gewissheit, dass er davon nie etwas gehört hat.

Josef schluckte und suchte krampfhaft nach einer Antwort, die nicht allzu lachhaft klang.

„Sind da drin auch die Bamberger Legenden und Sagen enthalten?“, fragte er und freute sich, doch eine brauchbare Erwiderung gefunden zu haben. 

Jetzt lächelte sie freundlich über das ganze Gesicht.

Innerlich sprang sein Herz einen Salto. „Ich liebe auch Märchen und Sagen“, fügte er schnell hinzu. 

„Aha, also ein Märchenprinz!“, kicherte sie.

„Was halten Sie davon, wenn wir uns morgen hier wieder treffen und unsere Bücher tauschen?“

„Gern, was für eine wunderbare Idee!“ Sie stand auf, schüttelte den Sand aus ihrem Kleid, nahm das Handtuch, winkte ihm zum Abschied und lief leichtfüßig, ohne sich umzudrehen, in Richtung Dünen. 

Am nächsten Tag hatte er ein passables Märchenbuch in seinem Regal gefunden und es mit ihr getauscht.

Titelbild: Buchcover von Mia Lena und Sina Land

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Buch:

GAMBIO – Der perfekte Tausch – sina-lands Webseite! (jimdofree.com)

© 2022 Ingo M. Ebert – vom Team Gambio – Herausgeberin Sina Land
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung der Autoren wiedergegeben werden.

PFAUENFEDER

Ich habe Höhenangst, ich habe Angst in zu engen Räumen, ich habe Angst in dunklen Fahrstühlen, in großen Menschenansammlungen, in langen Tunneln – besonders wenn man dabei in einem Stau steht. Ich habe Angst, wenn ich in dicker Kleidung, und damit meine ich einen viel zu langen Schal, den ich mir viermal um den Hals gelegt habe, Handschuhe aus Polyester, wadenhohe Boots mit Innenfutter sowie eine kratzige Wollmütze, über die ich noch die Kapuze meines olivgrünen Parkas gestülpt habe, durch eine Drehtür eines Kaufhauses trete und mir die heiße Föhnluft entgegenströmt. Ich habe dann das Gefühl, dass ich nicht atmen kann, ich schwitze und bekomme Panik. Mir wird noch heißer und ich schnappe nach Luft – ein Kreislauf, ein ewiger Kreislauf der Angst. Ich könnte niemals Astronaut sein und in einer kleinen Kapsel zum Mond fliegen. Ich könnte niemals in einem Raumanzug schwerelos durch den Weltraum schweben, wenn zum Beispiel eine Reparatur an der Außenhülle vorgenommen werden müsste. Denn dann würden sie alle zusammentreffen: die Höhenangst, die Angst vor zu engen Räumen, die Angst vor zu dicker Kleidung, die Angst vor dem Verlust von Sauerstoff. Ich meine, höher geht es ja wohl kaum, dick eingepackter auch nicht und meine Fähigkeit zu atmen hinge einzig und allein von einer Sauerstoffflasche ab. Im Kaufhaus kann ich mir wenigstens die Klamotten vom Leib reißen und hinausrennen. Aber im Weltall bin ich den Bedingungen ausgeliefert. Lediglich die Menschenansammlungen, die würde ich da oben wohl nicht finden. Wie verlockend. Und dennoch, oder vielleicht gerade wegen dieser Universumsangst, schaue ich jeden Astronautenfilm, jede Serie, jede Dokumentation über das Weltall. In meinem Zimmer hängen Poster von Juri Gagarin, Jack Glenn, Alexej Leonow, Harrison Smitt und Sergej Krikaljow. Mich fasziniert der Gedanke, dass Astronauten sich den extremen Bedingungen hingeben, sie ihre Familien zurücklassen und freiwillig auf Pizza verzichten! Ich meine, Pizza ist doch wohl mit Abstand das beste Gericht auf diesem Planeten! Was es wohl auf den anderen Planeten zu essen gibt? Solange ich mich erinnern kann, träume ich von den Sternen.

Unerwarteter Besuch

Auch an jenem Tag, an dem zum ersten Mal etwas wirklich Ungewöhnliches in meinem Leben passiert ist: »Sie werden Astronaut, herzlichen Glückwunsch«, sagte der Mann, der vor unserer Wohnungstür stand. Er trug eine indigoblaue Uniform mit eckigen Schulterpolstern. Auf der Höhe seiner linken Brust steckte ein goldenes Abzeichen in Form einer Pfauenfeder und unter seinem rechten Arm klemmte eine schwarze Mappe, auf der ebenfalls so eine Feder abgebildet war. »Können Sie das bitte noch einmal wiederholen?«, bat ich und starrte auf das Abzeichen. Augenblicklich kam mir der Traum in den Sinn, der mich dreimal hintereinander im Schlaf aufgesucht hatte: Ich schwebe im Weltraum, um mich herum ist nichts außer tiefschwarze Dunkelheit. Ich trage keinen Astronautenanzug und frage mich: Wie kann ich atmen? Bin ich tot? Panisch schnappe ich nach Luft, doch Atmen ist zum Glück kein Problem. Ich schaue an meinen Körper hinab, der hell leuchtet und im starken Kontrast zu der Schwärze um mich herum steht. Ich sehe mich um, dabei drehe ich mich langsam um die eigene Achse. Es ist weit und breit keine Lichtquelle zu sehen. Ich kann also eigentlich gar nicht leuchten, denke ich. Auf einmal fliegt ein Elefant an mir vorbei, ein echter Elefant! Dann eine Giraffe, ein Nashorn und eine grüne Mamba. Ich erkenne sie aus Kikis Bildband von Afrika wieder. Sie liebt dieses Buch und blättert immer wieder darin herum, auch wenn sie es nie zugeben würde. Es erinnert sie an unsere Kindheit, als wir gemeinsam mit unseren Eltern in Afrika waren, bevor sie gestorben sind. Kiki war damals vier und ich fast sechs Jahre alt. Die Tiere schauen mich an, als wollten sie mit mir sprechen: Wie kommen wir hierher? Ich möchte ihnen antworten, doch mein Mund lässt sich nicht öffnen. Er ist wie zugeklebt, als hätte ihn jemand betäubt oder zu Eis erstarren lassen. Die afrikanischen Tiere schweben weiter, ohne dass ich mit ihnen sprechen kann. Wohin sie fliegen, das weiß ich nicht. Und während sie immer kleiner und kleiner werden, erscheint ein neuer heller Punkt im schwarzen Nichts. Gebannt starre ich ihn an. Er bewegt sich langsam auf mich zu. Schließlich kann ich erkennen, was es ist: eine golden leuchtende Pfauenfeder. Dieser Traum kam mir in den Sinn, als der adrett gekleidete Mann mit den Zwirbeln im Schnauzbart vor unserer Haustüre stand. Ich dachte an das schwarze Nichts, in dem ich drei Mal im Schlaf schwerelos gewesen war, ich dachte an die afrikanischen Tiere und besonders dachte ich an die goldene Pfauenfeder. Ich starre immer noch darauf, als der Mann jene Worte wiederholte, die mein Leben verändern sollten: »Sie werden Astronaut und ich bin hier, um Sie abzuholen.« Sein markantes Gesicht mit den silbernen borstigen Brauen, den dunkelblauen Augen und dem gepflegten Schnauzbart mit Zwirbeln verschwamm vor meinen Augen. Ich stützte mich am Türrahmen ab. »Sie sind für unsere Akademie auserwählt worden«, fuhr er fort, als ginge es um einen kleinen sportlichen Wettkampf beim alljährlichen Schützenfest. »Sie dürfen die nötigsten Sachen packen – ich denke, dazu gehört eine Zahnbürste, Zahnpasta, Waschcreme, Handtücher und ein paar anständige Hemden – und dann geht es los. Und bitte ziehen Sie sich doch rasch jetzt schon ein sauberes Hemd über. Es gehört sich nicht für einen angehenden Astronauten, so herumzulaufen …« Mir wurde abwechselnd kalt, warm, kalt und noch einmal warm. Träumte ich etwa noch? Das konnte doch unmöglich die Realität sein, dachte ich. Es war sicherlich einer dieser Träume, in denen man merkt, dass man träumt, aber man schafft es nicht, wach zu werden. Bis eben hatte ich doch noch in meinem Bett gelegen, das erste Frühstück schon hinter mir – Ufo-Schockoflakes –, gefolgt von einem ausgiebigen Vormittagsschläfchen, das ich immer gegen zehn Uhr halte.

Das zweite Frühstück hatte ich auch schon, das mache ich für gewöhnlich gegen elf Uhr. Dann geht es etwas deftiger zu, ich brate mir vier Eier mit Speck und einer ordentlichen Prise Salz. Kiki sagt immer: »Das ist widerlich«. Meine Schwester isst am liebsten Schwarzbrot mit Avocado, aber auch nur hauchdünn bestrichen und natürlich, natürlich ohne Salz. Höchstens ein bisschen Kräutersalz. Nach dem zweiten Frühstück hatte ich im Wohnzimmer ein bisschen ferngesehen und mich erst am Nachmittag für ein weiteres Schläfchenin mein Zimmer zurückgezogen. Weil es so heiß war, schlief ich ohne Oberteil, ich trug nur eine weite Jeansshorts, deren oberer Knopf geöffnet war, denn mein Nachmittagssnack, eine Pizza mit scharfen Jalapeños der Marke Flying Captain – die ist einfach die beste, doch leider macht sie einen auch sehr schläfrig – lag mir schwer im Magen. Die Fenster waren geschlossen, damit der Lärm der Großstadt draußen auf der Straße blieb. Auch die Abgase wollte ich nicht hereinlassen, die im Sommer, wenn der Wind schlecht steht, immer nach oben getragen werden, sodass es einem vorkommt, als lebte man in einer Tiefgarage. Der Teller mit den Pizzaresten lag neben mir auf dem Bett. Immer wenn ich ausatmete, klirrte das stumpfe Messer auf dem Keramiktellerrand. Ich schnarchte, aber nur ganz leise. Das alles weiß ich, weil Kiki mich genau so vorgefunden hat und es mir später erzählte.

Jack Bones

»Jack! Da steht so ein komischer Typ vor der Tür und möchte dich sprechen. JACK!«, hatte sie mich unsanft aus dem Schlaf gerissen. »Steh mal auf. Das ist doch bestimmt einer deiner Nerds, der mit dir über Aliens reden möchte.« Sie kicherte. »Vielleicht ist er aber auch vom Amt. Jetzt ist es so weit, Jack, jetzt kommen sie uns holen!« »Hä? Was is’n los?«, hatte ich gemurmelt, das schattenhafte Gesicht von Kiki schlaftrunken betrachtet und war ohne weiter nachzudenken zur Tür getaumelt. Mein Puls hatte sich binnen Sekunden verdoppelt. Ich hatte mir mit dem Handrücken die Speichelspur aus dem Mundwinkel gewischt, dann die Haustür geöffnet und diesen »komischen Typen« vor unserer Tür vorgefunden. »Herr Bones?«, sagte der Mann mit dem goldenen Pfauenfederabzeichen. »Ja …?«, antwortete ich. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich schon seit mindestens zwei Minuten nichts mehr gesagt hatte.  »Ich bin etwas überrascht, dass Sie nicht vorbereitet sind. Sie haben doch den Brief erhalten …?«, meinte er.  »Den – den Brief?«, wiederholte ich unsicher. Hatte Kiki etwa recht? War dieser Mann in Wirklichkeit vom Amt? Hatten sie herausgefunden, dass Kiki und ich seit knapp zwei Jahren alleine wohnten, ohne Erziehungsberechtigte, ohne unsere ältere Schwester, die eigentlich für uns verantwortlich war? Der Mann runzelte die Stirn. »Sie sind doch Jack Bones, Sohn von Amira und Tom Lennard Bones?«, hakte er nach, öffnete die schwarze Mappe und blickte auf eine lange Liste mit Namen. »Ja«, bestätigte ich zögerlich. »Nun, wenn Sie Jack Bones sind«, grummelte er und schloss die Mappe mit einem lauten Knall, »dann bin ich hier, um Sie abzuholen.« Ich schluckte schwer. Kiki hatte ins Schwarze getroffen, jetzt war es vorbei, jetzt sammelten sie uns ein und brachten uns ins nächste Waisenhaus. Oder träumte ich etwa immer noch? Ich blickte an mir herab, suchte hoffnungsvoll nach einem Indiz, das für einen Traum spräche, betrachtete meine nackten Füße, von denen der linke ein bisschen größer war als der rechte – das war aber vollkommen normal –, ich sah die haarigen dünnen Beine, die so fürchterlich wackelig dastanden, musterte die dunkelblaue Jeansshorts und blieb an dem offenen Knopf meiner Hose hängen. Ach ja, dachte ich, die Pizza.

Nervös huschte mein Blick zu dem Mann in der Tür, der etwas die Nase zu rümpfen schien. Schielte er etwa gerade auf meine Planeten-Boxershorts, die ein ganzes Stück weit herausguckte? Ich zwickte mir vorsichtshalber in den Bauchspeck, den ich die letzten Jahre mit Stolz angesetzt hatte, meine Wangen leuchteten rot auf – ich musste feststellen, dass dies kein Traum war. Der Mann mit den Zwirbeln im Schnauzbart zog eine seiner silbernen borstigen Augenbrauen hoch und sah mich an, als hätte ich die geistigen Fähigkeiten einer Schildkröte. »Ich würde gerne eintreten«, sagte er fordernd und auch ein wenig ungeduldig. Er sah mich erwartungsvoll an, wartete darauf, dass ich den Weg freimachte. Ich überlegte noch, die Tür einfach vor seiner Nase zuzuknallen, trat dann aber doch beiseite und deutete auf die Wohnzimmertür. Es hatte ja doch keinen Sinn. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Kiki uns durch einen Spalt ihrer Zimmertür beobachtete, und als sie bemerkte, dass ich sie bemerkt hatte, zog sie eine Grimasse und ließ die Tür demonstrativ ins Schloss fallen. Im Wohnzimmer sah es aus wie immer. Es lag alles Mögliche herum: alte Bücher von Flohmärkten und aus Kindertagen, Donald Duck Comics, die Teeniezeitschriften von Kiki und meine »nerdigen Alienhefte«, wie sie immer sagte, ausgetrocknete Kulis, angefangene Kreuzworträtsel, unvollständige Kartenspiele, leere PET-Flaschen mit kaputten Deckeln und zerfleddertem Etikett, Kinokarten, die Kiki und ich eigentlich an die Wand pinnen wollten, es aber doch nie taten, Kapuzenpullover und T-Shirts mit Tomatenflecken und bauchfreie Jeansjacken.

Der Mann in der Uniform zog seine rechte Augenbraue bei dem Anblick unseres Wohnzimmers so hoch, dass sie fast unter seinem Haaransatz verschwand. Ich meinte, ein leises »Tz« von ihm zu vernehmen. Als könnte ich die Situation damit etwas besser machen, schloss ich nun endlich den oberen Knopf meiner Hose und zog mir eines der T-Shirts mit einem besonders großen Tomatenfleck über. Gleichzeitig schob ich ein paar Klamotten, Spiele und Zeitschriften auf dem Sofa beiseite, damit der fremde Mann sich hinsetzen konnte. Doch dieser bevorzugte es scheinbar zu stehen. Nun räusperte er sich, während ich mich stöhnend auf der alten Ledercouch niederließ. Lecker, da liegt ja noch ein Stück von gestern, dachte ich, als ich den Teller mit der Salamipizza auf dem Boden neben der Couch entdeckte. Doch ich hielt mich zurück. Es war unhöflich, Gästen etwas vorzukauen. Erwartungsvoll wandte ich nun den Blick meinem Gast zu. »Wie ich Ihnen schon mitteilte«, begann dieser, »möchten wir Sie auf unsere Akademie aufnehmen und –« »Sie sind nicht vom Amt?«, unterbrach ich ihn. »Vom Amt?« Der Mann runzelte die Stirn. »Nein, ich bin von der Pfauenakademie Hamburg und –« »Der Pfauenakademie?«, fiel ich dem Mann abermals ins Wort und erntete sogleich einen strengen Blick, der mir klarmachte, dass solche Unterbrechungen von ihm für gewöhnlich nicht geduldet wurden.

Foto: Cover von Lea Funke

Die Pfauenakademie

»Ganz recht«, sagte er und sog scharf die Luft ein, »die Pfauenakademie. Sie ist eine von fünf Astronautenakademien in Deutschland, die sich der Ausbildung von Jungtalenten wie Ihnen …«, die letzten drei Worte schienen ihm deutlich schwerer über die Lippen zu kommen als die anderen, »… widmen. Es ist eine Ehre, auserwählt zu sein.« Der Mann sah mich an, als erwartete er, dass ich zu jubeln begänne und mir Tränen in die Augen stiegen. Doch ich starrte einfach nur zurück und kratzte mich an meinem kaum sichtbaren Zehntagebart. »Das ist ein Scherz, oder?«, fragte ich nervös und lachte kurz auf. Der Mann blähte sich auf wie ein Heidelbeermuffin, den man mit der doppelten Menge Backpulver angerührt hatte: »Selbstverständlich nicht! Wollen Sie etwa andeuten, dass ich, Timmothy von Bergen-Bergewig-Leuter, hier meine Zeit verschwende, um einfältigen Jungen, wie Sie es sind, einen – einen Streich zu spielen?!« »Ähh«, stammelte ich. Der Heidelbeermuffin drohte zu explodieren. Er gab ein Pfeifen von sich, vibrierte und lief dunkellila an. »Sie haben keine Ahnung, wen Sie hier vor sich haben! Wenn Sie in der Akademie angekommen sind, werden Sie noch lernen, mit welchem Ton man zu sprechen hat! Nun, ich erwarte eine Antwort von Ihnen. Meine Zeit ist begrenzt und – mit Verlaub – das Klima in ihrer Wohnung ist nicht länger verkraftbar.« Ich schluckte und versuchte meine folgenden Worte bewusster zu wählen: »Entschuldigen Sie bitte, Herr …« »Herr von Bergen-Bergewig-Leuter«, zischte der Mann.. »… Herr von Bergen-Berge-Wicht-Leuten …«, sagte ich. Der Mann pfiff noch lauter, doch ich sprach einfach weiter: »Vielleicht können Sie sich ja vorstellen, wie das aus meiner Sicht klingt. Ich kenne Sie nicht, ich habe noch nie etwas von einer Astronautenakademie für Jugendliche gehört und es kommt mir ein bisschen seltsam vor, dass man so zwischen Tür und Angel darüber informiert wird.« Der Mann in der Uniform zog zum dritten Mal überrascht seine Braue hoch: »Sie wurden nicht informiert?« Ich schüttelte vehement den Kopf. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Er zückte ein Taschentuch und tupfte sie vorsichtig ab. »Oh, wie ärgerlich. Der Brief müsste vor vier Wochen eingetroffen sein. Ihre Eltern hätten ihn sogar unterschreiben müssen! Sind Sie sicher, dass Sie keinen Brief erhalten haben?« Wieder schüttelte ich den Kopf. »Nun … wo sind Ihre Eltern? Ich würde sie gerne sprechen«, sagte der Mann. Meine Handinnenflächen begannen zu schwitzen und ich suchte hastig nach einer passenden Ausrede. Dass meine Eltern tot waren, würde ich ihm natürlich nicht aufs Brot schmieren. Denn dann wäre die nächste Frage, wer denn unsere Erziehungsberechtigten seien. Und dies würde ihn schließlich zu unserer mittlerweile dreiundzwanzigjährigen Schwester Tammi führen, die uns vor zwei Jahren im Stich gelassen hatte. Niemand wusste das, niemand wusste, dass Kiki und ich alleine lebten. Bis jetzt.

»Meine Eltern sind … alsoooo …«, begann ich.

»Ja?«, hakte der Mann ungeduldig nach.

»Ähm, einkaufen«, log ich wenig überzeugend.

»Einkaufen, verstehe«, erwiderte er misstrauisch. »Nun, da, wie mir scheint, an irgendeiner Stelle der Informationskette ein Fehler vorliegt, bleibt mir nichts anderes übrig, als Rücksprache mit der Akademie zu halten und mich dann erneut bei Ihnen zu melden.

Und Sie sprechen bitte mit Ihren Eltern. Es ist äußerst wichtig, dass Sie sich eingehend Gedanken über diese Entscheidung machen. Ich habe hier …«, er nahm die Mappe mit dem goldenen Pfauenfederabzeichen zur Hand und zog einen Brief hervor, »ein paar Informationen für Sie, die Ihnen vielleicht hilfreich sein können. Auf anderem Weg werden Sie nichts über die Pfauenakademie oder die vier anderen Astronautenakademien finden, denn das Ganze wird ziemlich unter Verschluss gehalten, Sie verstehen?

Aber es gibt eine Webseite, auf die Sie nur mit einem Passwort Zugriff haben. Das Passwort ändert sich regelmäßig. Zurzeit lautet es ›Astrophysik101‹, wobei das ›A‹ großgeschrieben wird. Ich nehme an, Sie können es sich ohne Weiteres merken?«

Ich nickte.

»Gut«, sagte er, dann blickte er zur Wohnzimmertür. »Wie ich feststellen musste, haben Sie eine ziemlich neugierige Schwester. Ich denke, wir sind uns einig, dass Sie sie darüber in Kenntnis setzen müssen, dass sie ebenso zur Verschwiegenheit aufgefordert ist wie Sie. Selbst wenn Sie sich gegen die Akademie entscheiden, müssen Sie uns versichern, dass Sie sämtliche Informationen für sich behalten. Ein Verstoß kann schwerwiegende rechtliche Folgen haben. Aber das wird Ihnen ohnehin alles sehr ausführlich auf der Webseite erklärt.«

Er überreichte mir den Brief.

»Mein Besuch hat viel länger gedauert, als ich erwartet habe. Ziemlich ärgerlich das Ganze. Schließlich muss ich noch ein paar weitere Anwärter aufsuchen. – Sie entschuldigen mich «, sagte er, wandte sich um und schritt eilig Richtung Tür. Kurz bevor er das Wohnzimmer verließ, hielt er noch einmal inne und meinte:

»Ach, der Brief, den ich Ihnen gerade gegeben habe  …  Sie sollten sich nicht allzu viel Zeit damit lassen. Er wird sich in 24 Stunden selbst auflösen.«

Und dann verließ er die Wohnung.

November 2021

Titelbild: Foto Ingo Ebert (privat)

© 2021 Lea Funke
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung der Autorin wiedergegeben werden.

Zu Besuch bei der Feuerwehr

Was bisher geschah…

Mein Name ist Levi und ich wohne in einem Haus am Rande der Stadt. Ich bin ein Kater und stolz auf meine edle Herkunft als Rassekatze. Bis auf die Besuche beim Tierarzt hatte ich das Haus noch nie verlassen. Doch plötzlich stand das Fenster weitoffen. Ich zögerte nicht lange und bin einfach rausgesprungen.

Das war der Beginn meiner abenteuerlichen Reise.
Zuerst lief ich durch einen wilden Wald. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wer da so alles wohnt. Danach kam ich zu einem Bauernhof, wo es noch viel mehr unbekannte Tiere gab. Aber alle waren sehr nett und lieb. Dort habe ich meinen neuen
Freund kennengelernt. Er heißt Amigo und ist ein kleines Pferdchen. Beim Abschied habe ich ihm versprochen zurückzukommen und ihm alles von meiner Reise zu berichten.

Bild: Schlauch von Andrea Schramek, Wien

Es wird langsam dunkel. Was war das für ein aufregender Tag. Ich bin erschöpft und hungrig. Seit dem Morgen habe ich nichts mehr gegessen. Ich entferne mich immer weiter vom Bauernhof und
nähere mich dem ziegelroten Gebäude mit dem kleinen Turm. Mein Bauch beginnt vor Hunger immer heftiger zu zwicken.
Wie gerne wäre ich jetzt daheim… plötzlich sehe ich meinen blauen Fressnapf voll mit Köstlichkeiten… mir läuft das Wasser im Mund zusammen.
Ich schlucke die Spucke runter, zack, kein Napf mehr zu sehen. Komisch. Hier draußen gibt es nichts außer Gras zu fressen.
Lustlos kaue ich auf einem Grashalm herum. Mein Freund Amigo hatte das auch gegessen. Auch wenn das Gras süßlich schmeckt, mag ich es nicht.
Fleisch, Fisch oder Käse sind die Leckereien, die mir schmecken und satt machen. Doch das Knurren meines Magens lässt zum Glück etwas nach.

Das Feuerwehrhaus

Ich gehe hungrig weiter bis zu dem Gebäude mit dem hohen Turm und den riesigen Türen. Wer hier wohl wohnt? Riesen vielleicht? „Schnickschnack, die gibt es nur in Märchen.“ Es ist niemand zu sehen.
Die Tore sind fest verschlossen, kein Spalt zum Reinschlüpfen. Ich schleiche vorsichtig um das Haus. Was ist das? Dort steht ein großer Fressnapf mit leckerem Essen. Der Duft haut mich um. Das muss das Katzenparadies sein. Oder ist das etwa wieder eine Täuschung?
Der Napf ist echt und steht an der halbgeöffneten Tür zum Turm. Ich überlege nicht lange, denn mein Bauch knurrt inzwischen fürchterlich. Ich schlinge die großen Fleischbrocken herunter. Was für ein Festessen! Die Hälfte des Napfes ist leer, als ich ein scharrendes und grollendes Geräusch höre. Ein haariges Tier, etwa so groß wie ich, kommt an der Häuserwand näher.

Oh, oh, schnell schlüpfe ich durch die Tür in den Turm und laufe die vielen Treppen bis ganz nach oben. Zum Glück folgt mir der unbekannte Vierbeiner nicht.
Nun schaue ich mich genauer um. Links von mir baumeln lange, rote Schläuche von der Decke bis fast zum Boden. Rechts von mir sind kleine
Nischen mit Schränken und Regalen. Dort liegen silberne Metallspitzen, Rohrstücke, graue Decken und allerlei unbekannte Teile. An den Wandhaken hängen dicke, schwere Mäntel zum Trocknen.
Darüber gelbe Helme. Das sind mit Sicherheit die Sachen der Bewohner dieses Hauses. Solche Kleidung habe ich zu Hause noch nicht gesehen.
Vielleicht doch Riesen? Ich lausche in die zunehmende Dunkelheit.

Nichts! Ich bin allein. Ich atme tief durch. Angst habe ich nur noch ein
bisschen. Auf einmal bin ich todmüde. Im Stehen fallen mir fast die Augen zu. Ein bequemes Plätzchen zwischen den Decken im Regal habe ich schnell gefunden. Ich schlafe erschöpft ein.

Es raschelt und wuselt in der Dunkelheit. Augenblicklich bin ich hellwach. Ohne mich zu bewegen, schaue ich konzentriert zum Treppengang.
Ich kann trotz Dunkelheit alles perfekt sehen. Da!
Ich bemerke einen wuscheligen braunen Schwanz.
Dann zwei Pfoten, die aber gleich wieder verschwinden. Die Schläuche fangen an zu wackeln.
Wer kann das sein? Am Klappern, Rascheln und Schmatzen kann ich erkennen, dass es sich um zwei Tiere handeln muss. Nun haben sie mich auch entdeckt und nähern sich mir schnüffelnd.

Die Marder Felix & Flo

Ich spanne meine Muskeln an und bin bereit zum Sprung.
„Hallo! Was machst du denn hier?“, fragt der Unbekannte mit dem hellbraunen Fell freundlich. „Wie kommst du hier rein, an dem alten Erwin vorbei?“,
fällt ihm der Zweite mit dem dunkelbraunen Pelz ins Wort. Da ein sicherer Abstand zwischen uns ist, entspanne ich mich etwas. „Wer ist Erwin? Und
wieso seid ihr dann hier?“, frage ich keck zurück.

„Erwin ist der alte Dackel, der Wachhund der Feuerwehr. Auch wenn er schon grau ist, muss man höllisch aufpassen, der versteht keinen Spaß“, antwortet der Erste. „Trotzdem sind wir Steinmarder regelmäßig zu Besuch hier“, bestätigt der Zweite.

„Wir lieben es, auf den Schläuchen herumzukauen!“, kommt es wie aus einem Mund. Die beiden Marder grinsen bis zu den Ohren. „Wir wohnen hier gleich um die Ecke. In einem verlassenen Kaninchenbau, direkt neben der Weide und der Baustelle.“

Steinmarder hatte ich bisher noch nie getroffen, sie sehen aber auch lustig
aus, mit ihrem langgestreckten, schlanken Rumpf
und kurzen Füßchen. Im Vergleich dazu ist der Schwanz ziemlich lang und buschig. „Wollen wir Freunde sein?“, frage ich, selbst erstaunt über so
viel Mut. „Warum nicht, wir sind Felix und Flo. Und wie heißt du?“ „Man nennt mich Levi, der Abenteurer!“, prahle ich ein wenig. Die beiden Marder lachen verschmitzt. „So, so, Levi der Abenteurer!“, wiederholen sie gemeinsam. „Schön dich kennenzulernen.“

Bild:Kater Levi & die Marder Felix und Flo von Andrea Schramek, Wien

Die Marder erzählen von ihrem Abenteuer mit dem Bagger auf der Baustelle. „Ich war in einem richtigen Wald und auf einem Bauernhof“, beschreibe ich meine Erlebnisse. Jeder ist erstaunt über den Mut des Gegenübers.
„Willst du uns nicht mal besuchen kommen?“, fragt Felix. „Selbstverständlich, sehr gerne sogar. Wenn ich es nicht vergesse“, schmunzele ich.
Danach schleichen sich Felix und Flo zurück, vermutlich in ihre gemütliche Höhle.


Wie lange ich dann noch geschlafen habe, weiß ich nicht. Es ist schon hell und mein Magen knurrt schon wieder so laut, als hätte ich ein Ungeheuer im Schlaf verschluckt. Da fällt mir der Fressnapf
vor der Tür zum Turm wieder ein. Genau! Ob da noch etwas zu holen ist.
Vorsichtig, Schritt für Schritt, taste ich mich die Treppe nach unten.
Die Tür ist immer noch leicht angelehnt. Ich spähe hinaus und blicke direkt auf einen vollen Futternapf mit köstlichem Fleisch. Kann das wahr sein?
Ich schließe kurz die Augen, um sie gleich wieder aufzureißen. Der Napf steht immer noch da. Sonst ist niemand zu sehen. Ein Wunder! Mit dem Kopf stoße ich die Tür weiter auf und stürze mich auf das Essen. Kaum habe ich die ersten Bissen im Mund, da höre ich auf einmal hinter mir eine unbekannte Stimme: „Habe ich dich, du Futterräuber!“
Erschrocken drehe ich mich um. Der Unbekannte hinter mir lacht laut auf, als er die Fleischreste in meinem Fell baumeln sieht. „Du siehst aus wie
eine frisch geöffnete Futterdose!“ Oh Schreck!
Das ist sicher der Wachhund Erwin, der keinen Spaß versteht.

Am nächsten Morgen

Ich bereite mich auf einen fürchterlichen Kampf vor, fahre meine Krallen aus und mache einen Buckel. Aber der Hund bleibt ganz
ruhig und schaut mich mit seinen braunen Dackelaugen friedlich an.

„Entschuldigung!“, murmele ich. „Ich habe doch so großen Hunger“, nuschelt mein voller Mund.
„Ach, du Armer. Iss ruhig, ich hole mir später noch
etwas vom Ortsbrandmeister Ebke. Er gibt mir immer das Futter, schließlich bin ich Dackel Erwin, der Wachhund der Feuerwehr.“
Kopfschüttelnd beobachtet er, wie ich das Essen in mich hineinschlinge.
„Wer bist du und woher kommt so ein hungriger
Kater?“, will Dackel Erwin nun wissen. Ich erzähle
ihm meine Geschichte, ohne die Marder zu erwähnen. Nicht, dass es noch Ärger gibt. Der Hund hört aufmerksam zu und wiegt dabei seinen Kopf leicht hin und her. „Was für eine abenteuerliche Geschichte. Ich dachte zuerst du bist der Bösewicht, der unsere Schläuche zerbeißt. Nun komm, ich
zeige dir die Feuerwache, die Gerätschaften und das Feuerwehrauto!“
Er dackelt dabei in Richtung der großen Tore.
Frisch gestärkt und sauber geleckt, flitze ich mutig hinterher.

Bild: Kater Levi & Dackel Erwin von Andrea Schramek, Wien

Durch eine kleine Klappe schlüpfen wir beide in das Gebäude und stehen direkt in der Halle. Auch hier sind die Wände voll mit allerlei Geräten, Seilen und Schläuchen. In der Garage stehen zwei große rote Autos, eines mit Leiter und eines mit einem riesigen Schrank und grauen Rollos. Erwin zeigt und erklärt mir alles ausführlich. Wofür man eine Drehleiter braucht und was in den Schrankkästen steckt.
Dann präsentiert er voller Stolz die Fotos an der Wand. Dort sind viele unterschiedliche Männer und Frauen zu sehen, aber immer mit Erwin, dem Dackel in der Mitte.
„Und jetzt zeige ich dir, wo man das Blaulicht und
das Signalhorn einschalten kann.“ Erwin klettert zur offenen Fahrertür hinein und ich springe hinterher.
In diesem Augenblick geht die Sirene auf dem
Hausdach los. „Das ist ein Feueralarm“, kommentiert Dackel Erwin den Krach.

Der erste Einsatz

„Na dann mal los, das wird dein erster Einsatz. Bist du bereit Kater Levi?“
Ich nicke etwas unsicher. Wir springen auf die hinteren Mannschaftssitze. Da kommen schon die ersten Männer angerannt. Wir rutschen weiter
in die Ecke, um Platz zu machen. Alles geht sehr schnell. Die Feuerwehrmänner springen in die Fahrzeuge.
Erwin flüstert mir zu: „Schau mal, der Mann mit der gelben Weste, das ist unser Ortsbrandmeister Ebke. Er leitet den Einsatz.“
Der Ortsbrandmeister begrüßt kurz Erwin. Dann stutzt er und schaut mich verwundert an. Aber nun ist keine Zeit für Fragen, denn schon öffnen sich
die Tore automatisch.

Mit Tatütata und Blaulicht fahren die beiden Einsatzwagen vom Hof. Über Funk erfährt der Einsatzleiter, Ortsbrandmeister Ebke, wohin die Fahrt
geht. Es brennt die Wiese bei dem Kiefernwäldchen direkt neben dem Bahnhof. Das ist eine Katastrophe. Wenn es nicht rechtzeitig gelöscht wird,
kann auch der Wald und der Bahnhof abbrennen.
Damit das nicht passiert, fahren die Feuerwehrautos so schnell sie können und alle anderen Autos machen Platz auf der Straße. Neugierig luge ich aus dem Seitenfenster. Die Häuser und Bäume
flitzen nur so vorbei. Unglaublich, denke ich, dass es bei dieser Geschwindigkeit keinen Zusammenstoß gibt. Ich habe beim Toben oft die Kurve nicht geschafft und bin mit Stuhlbeinen schmerzhaft zusammengestoßen.

Bild: Kater Levi fährt mit der Feuerwehr von Andrea Schramek, Wien

Nun halten die beiden Feuerwehrautos mit einem kräftigen Ruck an. Die Türen fliegen auf und alle Männer springen sofort raus. Dackel Erwin und ich hüpfen als Letzte hinterher.
Dann bemerke ich die brennende Wiese. Oh je, das Feuer sieht wirklich schlimm aus. Die Männer sind gut trainiert und jeder Handgriff sitzt. Die hellroten Feuerwehrschläuche werden ausgerollt und
mit den silbernen Rohrstücken verbunden. Das eine Ende des Schlauches wird an einer roten Eisensäule befestigt.
„Das ist ein Hydrant“, erklärt Erwin. „Das Löschwasser kommt aus der großen Wasserleitung der Stadt.“ Zwei Feuerwehrmänner halten am anderen Ende vom Schlauch die spitze Düse. Das Wasser zischt aus der Spritze und landet in einem hohen Bogen auf der brennenden Wiese. Weitere Schläuche werden ausgerollt. Von zwei Seiten wird die brennende Wiese mit Löschwasser besprüht.
Wie bei einem heftigen Gewitter stürzen nun viele dicke Tropfen auf die Flammen.

Wo eben das Feuer noch brannte, steigen kleine Dampfwolken in den Himmel. Ob so die Wolken am Himmel entstanden sind, frage ich mich. Während die Feuerwehrmänner das Feuer löschen, passen wir auf. Erwin knurrt die neugierigen Zuschauer an, die mit ihren Handys filmen. Niemand soll die Arbeiten behindern. Ich kann nur fauchen. Das scheint aber niemanden zu stören. Vielmehr schauen die wenigen Passanten erstaunt auf uns.
„Macht endlich Platz, husch, husch!“, schreie ich die Leute an. Erschrocken treten sie ein Stück zurück. Ob die Menschen mich verstanden haben? Wer weiß? Zum Glück ist der Brand schnell gelöscht.
Der Wald und der Bahnhof sind nicht in Gefahr gewesen. Das ist noch einmal gut gegangen. „Das waren bestimmt wieder unvorsichtige Menschen“, stellt Dackel Erwin sachlich fest. „Eine weggeworfene Zigarette ist bei dieser Trockenheit sehr gefährlich, das weiß doch jedes Kind.“ Ich kenne keine Zigaretten. Aber es müssen schlimme Dinge sein, wenn sie so ein großes Feuer verursachen können.

Bild: Kater Levi & Dackel Erwin im Einsatz von Andrea Schramek, Wien

Der Einsatzleiter Ortsbrandmeister Ebke befiehlt den Abmarsch zurück ins Feuerwehrhaus. Die Ausrüstung muss nun gereinigt und getrocknet werden. Ich möchte am Bahnhof bleiben, wenn ich schon einmal hier bin und mich genauer umsehen.

Abschied von Dackel Erwin

Ich verabschiede mich von Erwin: „Es wird Zeit, ich möchte weiter die Welt erkunden.“
Dackel Erwin ist traurig. „Du wärst sicher ein guter Kamerad für unsere Truppe“, schnieft er. Ich tröste ihn: „Die Feuerwehr ist für mich viel zu gefährlich,
da kommen bestimmt andere freiwillige Helfer.“
Alle Männer sitzen schon auf ihren Plätzen und warten auf die Abfahrt. Der Ortsbrandmeister gibt uns beiden schnell noch ein Leckerli zum Dank für den Einsatz. Dann steigt Dackel Erwin mit ihm in das Fahrerhaus. Sie winken kurz zum Abschied und die Feuerwehrautos biegen um die Ecke. Ich bin wieder allein, zumindest für den Moment.

November 2021

Titelbild: Illustration Andrea Schramek (andi-art-love), Wien

© 2021 Ingo M. Ebert
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Autoren wiedergegeben werden.

Fortsetzung : Kater Levi und seine Abenteuer:

Ab sofort als Kinderbuch erhältlich!

Taschenbüchlein 21 x 15 cm, 64 Seiten mit vielen Illustrationen von Andrea Schramek (andiart, andi-art-love)

Preis: 12,99 EURO zzgl. Versand 1,90 EURO ISBN: 978-3-9822772-3-3

Bestellung: via E-Mail: ingo_ebert@web.de oder via Kommentar oder Amazon

Leseprobe aus: Der Archivar

von Mila Bagrat

EINE GESCHICHTE ZUM VORLESEN UND NACHDENKEN

Der kleine Waschbär drehte sich um und schaute, wie der Grenzübergang langsam in der Ferne verschwand, bis der Bus um die Ecke abgebogen war.

„Die menschliche Geschichte ist schon eine verrückte Sache. Aber eins sage ich dir, Freya, Mauern sind schrecklich. Jede Mauer ist der Anfang von einem Käfig. Man denkt, man könnte damit einige Probleme lösen, aber die richtigen Schwierigkeiten, die fangen erst damit an. Weißt du, bei uns in Alberta, das ist meine Heimatprovinz in Kanada, da gab es eine tolle Wiese nicht weit von dem Wald, wo ich mit meiner Familie lebte…“, seine Augen bekamen einen ganz besonderen warmen Glanz, man sah, wie die Erinnerungen in ihm aufkamen.

Kanada


„Und durch diese Wiese verlief ein kleines Flüsschen, na ja, eher ein Bach. An einer Stelle zwischen zwei Felsen gab es besonders viele Flusskrebse. Wir Waschbären, können super fischen, alles, was uns in die Pfoten kommt – Frösche, kleine Fische oder eben Flusskrebse. Und das tun wir wirklich gern. Aber eines Tages kam ein Bauer und baute auf der Wiese sein Haus. Ich nahm es ganz gelassen, es störte mich nicht, die Wiese war groß genug für uns alle. Aber der Bauer, der war offensichtlich einer anderen Meinung, denn kaum hatten wir uns an sein Haus gewöhnt, hatte er mir nichts, dir nichts die ganze Wiese mit einem Zaun umzäunt! Ab da war ich natürlich gezwungen, über diesen blöden Zaun zu klettern, jedes Mal, wenn ich am Bach fischen wollte. Aber das hatte dem Bauern wieder nicht gefallen. Er spitze die Zaunpfähle oben so scharf an, dass ich mich beim Rüberklettern blutig kratzte. Also, hatte ich ein Loch unter dem Zaun gegraben und gelangte auf diese Weise zum Bach. Aber auch das gefiel dem Bauern nicht, er schüttete meine Löcher regelmäßig zu, mehr noch – er füllte sie mit Glassplittern und scharfen Scherben auf, so dass ich mir beim Graben die Pfoten zerschnitt.“

Freya schaute Björn betroffen und erschrocken zugleich an. Beim Sprechen betrachtete der kleine Waschbär seine Handflächen, als würden ihm die dünnen Narben auf den schwarzen Handballen ihre Geschichte erzählen.

„Ab da wurde es ernst. Richtig ernst. Langsam kochte in mir Wut auf. Von der einen Seite war es mir bewusst, dass ich mich da mit dem gefährlichsten Raubtier der Welt anlege – mit einem Menschen! Mannomann, dabei mag ich Flusskrebse nicht einmal! Ich bin eher ein Süßschnabel, aber verdammt noch einmal! An diesem Bach hatten mein Vater, mein Opa, mein Uropa gefischt und kein Zaun der Welt wird mich daran hindern können, das auch zu tun, verstehst du? Es ging doch schon längst nicht mehr um die Flusskrebse, es ging um Prinzipien! Dieser dämliche Bauer hatte die Situation gewaltig unterschätzt. Genau hier trat die Weisheit Nummer was weiß ich in Kraft: „Leg dich nie mit einem Waschbären an! Also nahm ich mir das Haupttor vor. Der Riegel war echt ein Witz, zumindest für diese zwei Prachtpfoten!“

Er hielt Freya seine kleinen schwarzen Pfötchen wie zur Begutachtung hin und sie nickte bestätigend. „Der Bauer wurde rasend vor Wut, als er das mit dem Tor gecheckt hatte. Er befestigte sogar noch ein zusätzliches Schloss, aber ich sage dir – wer so geschickte Hände wie ich hat, braucht keinen Schlüssel, um überall reinzukommen. Irgendwann wurde es dem Bauern klar und er hielt jede Nacht höchstpersönlich die Wache vor dem Tor. Aber nicht allein, nein, er hatte zwei üble Hunde dabei und seine Schrotflinte. Eines Nachts hatte er mich fast erwischt. Die Ladung ging knapp an meinem Kopf vorbei und versengte mir das Fell – hier und hier“.

Freya schlug entsetzt die Hände vor den Mund und sah sich die Stellen an, die Björn ihr zeigte. „Der Bauer wollte sich vor mir schützen, dabei hatte ich ihn erst gar nicht bedroht. Er hatte sich selber hinter seinem Zaun eingesperrt, dabei hatte er mich ausgegrenzt und mir ein Stück meiner Freiheit genommen – ein schönes sonniges Stück Wiese mit einem Bach und Flusskrebsen drin. Er dachte, er kann mich mit seinem blöden Zaun umerziehen, mich zwingen, aufzugeben, schön brav in meinem Wald zu bleiben. Er dachte, er kann mich an die Leine legen, so wie er das mit seinen dämlichen Kötern gemacht hatte. Aber nicht mit mir!“

aber nicht mit mir

Björns Augen glänzten. Er presste seine rechte Faust auf die weiße flauschige Brust. „Niemand legt einen freien Waschbären an die Leine! Niemand! Schon bald musste auch der Bauer das lernen. Ich blieb bis zur Dämmerung in der Nähe seines Tores und als die Arbeiter von dem Feld mit dem Heuwagen kamen, kletterte ich hinten in den Wagen hinein und versteckte mich im Stroh. Auf diese Art und Weise wurde ich fürstlich in das verbotene Reich eingefahren. Was soll ich sagen? In dieser Nacht stand Rache auf meinem Speiseplan! Ich trank die Eier in dem Hühnerstall aus, ich brach in der Speisekammer ein und knabberte Schinken und Würste, Käse und Brot an, ich zerriss die Mehlsäcke und trank Sahne aus Krügen, ich öffnete sogar ein paar Fässer Bier, nicht dass es mir schmeckte, aber es schäumte so lustig auf dem Boden. Ich sage dir, ich hinterließ ein Bild der Verwüstung, als wäre dort eine Heuschreckenplage ausgebrochen.“

„Oh, nein…“, flüsterte Freya entsetzt. „Aber jetzt hast du ihn erst recht wütend gemacht. Dafür würde er dich töten!“

Björn lächelte beruhigend und fuhr mit der schwarzen Pfote durch das kurze Kopffell. „Immer mit der Ruhe, Kleines! Ich würde ja sonst kaum hier sitzen können, oder? Nein, der Bauer war doch schlauer, als ich es zuerst dachte. Denn bereits am nächsten Morgen hatte er…“

„Alle seine Freunde gerufen, um mit Gewehren und Jagdhunden den Wald abzusuchen?“, beendete Freya finster den Satz.

„Nein“, Björn schüttelte lächelnd den Kopf. „Er hatte…“

„Den Wald angezündet, um dich auszuräuchern?“ Wieder ein Kopfschütteln.

„Überall Giftköder und Fallen gestellt?“

„Nein, nein, nein. Nichts dergleichen!“, Björn hielt eine kurze spannende Pause, schaute ihr direkt in die Augen und sagte: „Er hatte das Tor offen gelassen.“

„Wie bitte?!“ Freya saß mit offenem Mund da und starrte Björn verständnislos an.

So einfach

„So einfach. Seit dem Tag ließ er das Tor offen. Ich meine nicht sperrangeloffen, aber nur so angelehnt. Und ich ging jeden Tag vorbei und schaute, ob das Tor immer noch unverschlossen war. Aber es blieb dabei. Und ich setzte nie mehr meine Pfote auf diese Wiese und fischte auch nie mehr dort, aber letztendlich ging es mir nicht um die Krebse, mir ging es darum, dass ich es jeder Zeit machen könnte, wenn ich es wollte.“

„Wow“, hauchte Freya zutiefst beeindruckt. „Das nenne ich eine Geschichte…“

„Jawohl“, nickte Björn ernsthaft. „Du fragst dich sicher, warum ich sie dir erzählt habe? Denkst du, die Menschen waren damals mit dieser Mauer einverstanden? Die quer durch das ganze Land verlief? Oh, nein! Es wurden unterirdische Tunnel gegraben, um unter der Mauer durchzukommen, es wurden Heißluftballons und Segelgleiter gebaut, um drüber zu fliegen, es wurden Flöße, Schlauchboote und Luftmatratzen eingesetzt, um drüber zu schwimmen! Auch hier direkt am CheckPoint Charlie hatte man versucht mit einem LKW die Absperrungen zu durchbrechen, mit Erfolg, wohl bemerkt. In einem sind wir uns alle ähnlich – wir lassen uns nicht gern einsperren. Und du, Freya, musst dir eins merken – lass dir nie deine Freiheit nehmen! Das ist das Kostbarste, was man haben kann. Erlaube es niemandem, vor dir neue Mauern zu errichten, weder räumlich, noch hier“, er klopfte mit der kleinen Tatze auf sein eckiges Köpfchen.

August 2021

Titelbild: Foto by Mila Bagrat (privat)

© 2021 Mila Bagrat
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung der Autorin wiedergegeben werden.

Der Archivar (Magisches Deutschland 1) von [Mila Bagrat]
Cover: Der Archivar von Mila Bagrat (privat)

Der Archivar (Magisches Deutschland 1) eBook : Bagrat, Mila: Amazon.de: Kindle-Shop

Ich hatte als Kind nie Probleme mit meinen Ohren.

Deshalb wunderte ich mich eines Tages, wieso ich Wasser im Ohr hatte, schlecht hörte und es auch nach Tagen nicht rauskam. Das war Anfang März 2018.

Erst mal zum HNO-Arzt. Dort angekommen bekam ich meinen ersten Anranzer von der Schwester, wieso ich nicht vorher angerufen hätte, während sie belehrend auf ein Schild auf dem Anmeldetresen zeigt. Tut mir echt leid, aber ich war seit Jahrzehnten bei keinem HNO-Arzt und bei diesem noch nie vorher gewesen. Wie sollte ich also wissen, dass man als Akut-Patient vorher anrufen soll?

Nach dem wir das geklärt hatten, durfte ich ausnahmsweise bleiben und mich im Wartesaal zu den anderen Opfern gesellen.

Nach nur zwei Stunden durfte ich zum Arzt rein. Ich sagte: „Ich habe Wasser im Ohr, es kommt aber nicht raus.“ Er schaute in mein Ohr und meinte: „Geht auch nicht, da ist das Trommelfell dazwischen. Dann nehmen Sie mal eine Woche ein schleimlösendes Mittel und es wird dann sicher ablaufen. Auf Wiedersehen.“ Etwas ratlos, wie es einfach so ablaufen soll, wenn es bisher nicht abgelaufen war, unternahm ich den Selbstversuch mit dem schleimlösenden Mittel Sinupret.

Es wurde nicht besser und so war ich eine Woche später wieder da, natürlich vorher angerufen, bin ja lernfähig. „Hm, ist nicht abgelaufen, dann stechen wir mal ein Loch ins Trommelfell!“

Da der Druck im Mittelohr inzwischen zugenommen hatte und die Gefahr bestand das mein Trommelfell rausgesprengt werden könnte, erschien mir das als eine sinnvolle Maßnahme.

Das Loch zu stechen war keine große Sache und es begann, vor allem in der Nacht, Flüssigkeit abzulaufen. Dem Fleck nach auf meinem Kissen zu beurteilen, hatte der Arzt anscheinend zu tief gestochen und ich hatte Angst, dass mein gesamtes Gehirn auslaufen könnte. Was zum Glück nicht passierte, es hörte auf zu laufen und die Schmerzen nahmen zu.

Also wieder zum HNO-Arzt. Inzwischen kannte man mich dort und ich war nach einer halben Stunde warten wieder bei meinem Arzt. „So, jetzt haben wir eine prächtige Mittelohrentzündung!“, freute er sich und verschrieb mir ein paar entzündungshemmende Mittel und Ohrtropfen.

Nach weiteren 14 Tagen und keine Linderung war ich wieder da. „Die Flüssigkeit muss ablaufen können.“ „Ach was?“ „Ich schneide jetzt ein kleines Loch in Ihr Trommelfell und sie bekommen ein Titan-Röhrchen eingesetzt, damit sich das Loch nicht wieder schließen kann.“

Großartige Sache, warum erst jetzt, wollte ich noch fragen, aber bei so einer komplizierten Operation sollte man nicht stören. Ich hatte da schon viel gelesen, was einem so alles dabei passieren kann, wie z. B. eine vergessene OP-Schere im Gehörgang.

Und es lief wieder! Vorerst, aber die Schmerzen wurden nicht besser. Nach weiteren 10 Tagen hielt ich es nicht mehr aus. Zum Glück war in der Praxisgemeinschaft diesmal ein anderer Arzt da.

„Jetzt hat sich auch noch Ihr Trommelfell entzündet.“ lautete die Diagnose. Da kann man nicht meckern, wenn schon entzündet, dann richtig. Jetzt war ich endlich reif für Antibiotika!

Mit Hilfe der Antibiotika, den Ohrtropfen und dem Titan-Röhrchen im Trommelfell ging es mir nach einer weiteren Woche wirklich besser.

Nachdem sich die Flüssigkeit aus dem Mittelohr verflüchtigt hatte, zog ich nun über das Röhrchen im Ohr Nebenluft. Das war zwar unangenehm, dafür aber praktisch. Falls ich mal von einem Agenten entführt werden sollte und er mich mit der Gesicht-in- das- Klowasser- tauchen-Methode foltern will, kann ich beruhigt mit dem Ohr weiteratmen.

Beim Niesen oder tief ausatmen pfiff die Nebenluft mit einem Trompetenton aus dem Ohr. Man könnte sicher mit etwas Übung auch ein Trompeten-Solo-Konzert geben.

Das Titan-Röhrchen beeinträchtigte auch die Schwingungsfähigkeit des Trommelfells, was zu interessanten Gesprächen führte. Mal ein Beispiel aus der Praxis:

  • Moin Ingo, wie geht es Deinem kranken Ohr?
  • Wie bitte?
  • Ah, hat sich schon erledigt.
  • Venedig?
  • Nein, ist schon gut!
  • Wer ist Knut?
  • Was macht Dein Oooohhhrrr? (lauter)
  • Ich bin nicht im Chor!

Es ging eben nichts über eine gepflegte Konversation.

Foto: in der HNO-Praxis (privat)

Der HNO-Arzt meines Vertrauens machte mir Mut: „Lassen Sie mal der Natur etwas Zeit, das wird schon wieder, in ein oder zwei Jahren. Und wenn nicht, der Hörakustiker gegenüber freut sich auf ihren Besuch.“

Ob die beiden sich kennen?

Auf jeden Fall habe ich bei der Volkshochschule einen Kurs in der Gebärdensprache gebucht, man kann ja nie wissen.

Juni 2018

Teil 2

Einen Monat später hatte ich wieder das Gefühl von Wasser im Ohr. Es bewegte sich beim Umdrehen hin und her, sodass ich nun ständiges Meeresrauschen im Gehörorgan hatte. Ich liebe das Meer über alles, schließlich bin ich ein alter Seebär ohne Schiff, aber irgendwann nervte es doch und ich bin wieder zum …na … richtig, meinem Lieblings-HNO-Arzt.

Nach einer kurzen Wartezeit saß ich auf dem großartigen Stuhl, welcher sich wie ein Karussell drehen lässt. Hui, machte das Spaß! Der gute Mann unterbrach meine ausgelassene Freude und bemerkte trocken, dass sich das Röhrchen zu gesetzt und sich nun dahinter wieder Flüssigkeit gesammelt hatte. Ich war gespannt wie ein Flitzebogen, welche Therapie jetzt geplant war.

Es musste ein Röhrchen mit größerem Durchmesser eingesetzt werden. Ich sah meine Trompeten-Solo-Karriere in Gefahr. Aber es nützte nichts und so kam ich in den Genuss meiner allerersten Vollnarkose. Das war wirklich eine berauschende Erfahrung. Das alte, zu kleine Titan-Röhrchen wurde während einer hoch komplizierten und langwierigen Operation entfernt. Die honigartige zähe Flüssigkeit abgesaugt und ein neues Röhrchen mit Sage und Schreibe einer 0,5 mm durchmessenden Öffnung abermals eingepflanzt. Nachdem ich zusätzlich genügend eigene Erkenntnisse zum Thema Pflegenotstand in Krankenhäusern gesammelt hatte, durfte ich am Abend wieder nach Hause.

Foto: Photo by Artur Tumasjan on Unsplash

Die versprochene sofortige Verbesserung der Hörleistung blieb aus. Begründung vom Arzt: Durch die OP war das Trommelfell geschwollen, würde sich aber bald bessern. Da ich ein gutgläubiger Mann bin, wartete ich weitere zwei Wochen auf das Wunder. Es trat nicht ein, sondern ich bekam 14 Tage später starke Ohrenschmerzen. Das Trommelfell war wieder entzündet. Das kam mir bekannt vor, quasi Routine. Und eine weitere Antibiotika- Kur stresste meine Darmflora.

Bei der Gelegenheit fragte ich, wie und wann das neue schöne größere Röhrchen denn meinen geliebten Gehörgang verlassen werde? Die Antwort stimmte mich zuversichtlich: „Das dauert und fällt irgendwann von allein raus.“ Ich hoffte, das Röhrchen kennt die richtige Seite des Trommelfells, nicht das ich dann zum Meeresrauschen noch ein metallisches Klappern in meinen Kopf gesellte.

Dem Titan-Röhrchen gefiel es anscheinend in meinem Innenohr. Jedenfalls verhielt es sich ruhig, machte keinen Stress und blieb anscheinend da, wo es eingesetzt wurde. Meine Hörleistung war weiterhin gestört und ich hatte immer noch das Gefühl von Watte im Ohr.

Doch kurz vor Weihnachten bekam ich wieder starke Schmerzen. Ich hörte auf den Rat meiner Frau, meiner Freunde, der Hausgemeinschaft und den Arbeitskollegen und zog nun die Meinung eines zweiten Sachverständigen hinzu, wechselte also den HNO-Arzt. Die Praxis sah im Vergleich zur Ersten etwas altmodischer aus.

Der neue HNO-Arzt, dieses Mal ohne Doktortitel, schaute mir in das rechte Ohr. Er stellte fest, dass mein Paukenröhrchen anscheinend ein Wanderröhren war und sich auf den Weg gemacht hat, sich in den Gehörgang einzugraben. Ohne Betäubung und was noch schlimmer war, ohne Vorwarnung, packte er den Übeltäter und riss ihn mit Stumpf und Stiel raus. Jetzt lief wieder Flüssigkeit aus dem Ohr, nun war es Blut.

Ich bekam Cortison Tabletten und einen hübschen Verband. Auch wenn die Schmerzen nachließen, das Problem mit der Hörleistung und dem Gefühl von Flüssigkeit im Ohr blieb. Das sei reine Einbildung und ich sollte mich damit anfreunden, mir ein Hörgerät anpassen zu lassen. Ich blieb hartnäckig und erkämpfte mir zwei Monate später eine Cortison-Behandlung intravenös. Das Rauschen und Klopfen ließen nach der dritten Infusion nach. Dafür hatte ich nun ein leises Zischen und einen ständigen Ton, der mich sehr stark an das Piepen des Testbildes im Fernsehen erinnerte, als es nur zwei Programme gab. Ob das nun ein Fortschritt war? Inzwischen hatten wir Juni 2019.

Foto: die Atmungsorgane (privat)

Teil 3

Mein Vertrauensvorschuss war aufgebraucht. Der zweite HNO-Arzt konnte mir nicht helfen und verschrieb mir ein Hörgerät zur Probe, ich bräuchte auch keinen Pfennig dazu bezahlen. Mir reichte es! Ich zog innerlich eine Reißleine.

Auf Empfehlung wendete ich mich an eine Praxis außerhalb von Osnabrück. Die Gemeinschaftspraxis machte einen modernen und netten Eindruck. Ich wartete gerade mal eine halbe Stunde, ohne Voranmeldung.

Herr Doktor war mir gleich sympathisch. Er war der Erste, welcher nicht nur in mein Ohr schaute, sondern auch noch in die Nase! Siehe da: Polypen. Das erklärte zumindest die schlechte Belüftung und das ständige Gefühl von verschlossener Nase. Er war auch der Erste, welcher mich zu einer Computertomografie schickte. Er diagnostizierte ein Cholesteatom. Eine chronisch-eitrige Entzündung des Mittelohrs mit Knochendestruktion. Eine Operation sei unvermeidlich. Mit gemischten Gefühlen wartete ich nun auf das Gespräch im August mit dem Professor im Marienhospital.

Nach einer Stunde Wartezeit in der HNO-Klinik im Marienhospital wurde ich untersucht und mein Gehör getestet. Zwei Ärzte schauten mir nacheinander in die Lauscher und stellten fest, dass meine Hörleistung auf dem rechten Ohr eingeschränkt sei. Ach was? Nach einer weiteren halben Stunde allein im Behandlungsraum nahm sich der Professor zehn Minuten Zeit für mich. Zwischendurch war er acht davon zum Telefonieren vor der Tür, aber immerhin in den anderen 120 Sekunden war er sehr effektiv.

Fachmännisch schaute er mir, richtig, ins Ohr. Dann noch kurz auf die CD-Aufnahme meines Schädelinneren, um die Diagnose zu stellen. Es war kein Cholesteatom, nur eine chronische Entzündung des Innenohrs, weil die Belüftung nicht stimmte. Ich kannte das von der Arbeit, jede Stunde einmal, für drei bis fünf Minuten durchlüften. Doch wie sollte ich das in meinem Fall praktisch umsetzen? Das Mittelohr wird durch die Ohrtrompete, die auch Tuba auditiva oder Eustachische Röhre genannt wird, belüftet. Professor S. schlug also vor, die Eustachische Röhre mit einem Katheter zu erweitern und zeitgleich ein Paukenröhrchen in das Trommelfell zu setzten und so eine bessere Belüftung, quasi Durchzug, im Ohr zu erzeugen. Was sollte ich sonst machen? Es wäre auch nur ein kleiner, unkomplizierter Eingriff unter Vollnarkose mit einem Tag Aufenthalt im Krankenhaus.

Da ich im Oktober nichts weiter vorhatte und schon lange nicht mehr im Klinikum war, willigte ich auf einen weiteren Versuch ein. Hatte ich eine Wahl?

August 2019

Foto: Behandlungsliege beim HNO-Arzt (privat)

Teil 4

Am Montag, den 14. Oktober war es dann so weit. Ich sollte pünktlich um 09:00 Uhr nüchtern auf der Station sein. Als ob ich morgens schon saufen würde? Bis 13:00 Uhr durfte ich dann warten, ohne einen Schluck Wasser oder etwas zu essen. Weitere zwei Stunden später wurde ich zur Operation geschoben. Die Narkoseärztin fragte mich freundlich, wie es mir geht. Bestens, ich war kurz vor dem Vertrocknen! Ich bekam eine Infusion, damit ich die Kraft hatte, allein auf den OP-Tisch zu klettern. Dort machte ich es mir, so gut es ging bequem, aufpassend, die vielen Schläuche und Kabel an mir nicht durcheinanderzubringen. Wer schon mal eine Narkose bekommen hat, kennt das, ich sollte bis drei zählen, kam dieses Mal sogar bis fünf! Alle waren begeistert, nur die Narkoseärztin nicht. Wieso eigentlich?

Ich kam wieder zu mir und hörte das erste Mal seit Jahren auf beiden Ohren gleich gut. Was für ein gutes Gefühl. Das hielt aber nicht lange, den nun schwoll alles wieder nach dem Eingriff an. Ist normal!

Ich hatte ein Dreibett-Zimmer. Irgendwie war ich noch müde und wollte einfach nur schlafen. Mitten in der Nacht gab es einen lauten Knall, etwas schweres Weiches fiel auf mich. Ich war hellwach. Mein Bettnachbar war im Dunkeln aufgestanden, hatte das Gleichgewicht verloren und war mit dem Nachtisch auf mein Bett geknallt. Mein Handy schwamm mit dem Buch zusammen eine Runde im Mineralwassersee unter der Koje. Sonst war nichts weiter passiert, aber durch den Schreck war ich hellwach. Ich habe den Rest der Nacht nicht mehr geschlafen, denn bei jedem Rascheln oder bei jeder Bewegung im Nachbarbett hatten bei mir die Alarmglocken geläutet. Ich schwor hier keine weitere zu verbringen! Zum Glück war am nächsten Morgen bei der Nachuntersuchung alles in Ordnung. Ich durfte am Mittag nach Hause.

Am Sonntag derselben Woche wollte ich nach Malta zum Sprachurlaub fliegen. Diese Reise war mehr als ein halbes Jahr im Voraus gebucht worden. Am Freitag hatte ich kein gutes Gefühl im Ohr, mittlerweile kannte ich mich damit aus. Deshalb bin ich sicherheitshalber nach Georgsmarienhütte zum HNO-Arzt zur Kontrolle gefahren. Dort wurde dann festgestellt, dass das Paukenröhrchen schief sitzt und somit das Trommelfell reizt. Nun begann eine höchst unangenehme und schmerzhafte Prozedur: der Versuch das kleine Röhrchen mithilfe von spitzen Gerätschaften in die richtige Lage zu zwingen. Ich war der Ohnmacht nahe, als der junge Doktor auf einmal „Ups“ sagte. Ich ahnte Schlimmes. Jetzt hatten wir den schon beim ersten Titanröhrchen vorher gesagten Supergau. Das Röhrchen war nach innen reingefallen! Ich hatte das metallische Scheppern deutlich gehört. So als würde eine leere Dose auf die Fliesen fallen.

 „Nicht weiter schlimm. Ich schneide Ihnen jetzt einen größeren Schlitz ins Trommelfell, hole das Teil wieder raus und setze Ihnen ein neues Röhrchen wieder ein. Was halten Sie davon?“ War der Mann wahnsinnig? Bei dem Gedanken ging mein Kreislauf sofort K.O.! „Wie wäre es mit einer örtlichen Betäubung?“ versuchte ich schwach. „Geht leider nicht, Sie haben ein Loch im Trommelfell, da würde die Betäubung auch das Gleichgewichtsorgan betäuben. Das wollen sie bestimmt nicht, Kotzen und nicht mehr laufen können!“ Nein, das wollte ich tatsächlich nicht, aber auch keine weiteren Experimente in meinem geschundenen Innenohr. „Was wäre die Alternative?“ „Wir lassen das jetzt so, das Trommelfell kann heilen und in 14 Tagen schneiden wir alles wieder auf, dann mit einer örtlichen Betäubung.“ Ok, damit konnte ich leben. Ich hoffte inständig, dass das Klappern in meinem Kopf, bei jedem Sprung oder beim nach vorne beugen nicht so laut zu hören war. Wenigstens konnte ich in meinem Malta Urlaub normal schwimmen und schnorcheln. Das war das einzig Positive daran.

Oktober 2019      

    

Foto: Photo by Christof Görs on Unsplash

Letzter Teil und Ende

Der Malta-Urlaub wurde ohne besondere Vorkommnisse beendet.

Ich hatte beim Baden, Tauchen und Fliegen keine Probleme gehabt. Der erwartete Supergau in Malta am Flughafen war auch ausgeblieben. Anscheinend hat es die einheimischen Sicherheitskräfte nicht interessiert, dass ich mit Metall im Gehörgang fliegen wollte. Andererseits war mir so eine wahrscheinlich unangenehme Entfernung des Metallstücks am Flughafen erspart geblieben.

Meinen anschließenden Besuch zu Hause beim HNO-Arzt wickelte ich routiniert ab.

Wie versprochen, konnte mein Trommelfell nun betäubt, geöffnet, altes Röhrchen entfernt und mit einem neuem Paukenröhrchen verschlossen werden. Das es trotz Betäubung wieder sehr unangenehm war, möchte ich an dieser Stelle nur kurz erwähnen.

Der Arzt war auch besser vorbereitet und legte mich gleich in die Waagerechte.

Mein Trommelfell kannte sich inzwischen auch gut damit aus und hat dieses Mal nicht rumgezickt. Es stieß das vierte Titanröhrchen unspektakulär nach 6 Wochen einfach ab. Sogar in die richtige Richtung, nach außen.

Mein Gehör ist immer noch reduziert und das Rauschen und Pfeifen ist geblieben. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und schätze diesen Vorteil, dass ich ohne Ohrenstöpsel auch bei lauten Außengeräuschen ruhig schlafen kann. Das Rauschen übertönt alles!

Außerdem kann ich jetzt viel überzeugender im Alltag und Beruf behaupten:

„Das habe ich nicht gehört!“

März 2020

Titelfoto: Das menschliche Ohr (privat)

© 2021 Ingo M. Ebert
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk (Text) darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Autoren wiedergegeben werden.

Es war im Jahre 1989.

Das Volk hatte die Honecker-Regierung hinweggefegt und Hans Modrow wurde als neuer Regierungschef vereidigt. Nachdem die Montagsdemonstranten Ihre Rufe von „Wir sind das Volk“ in „Wir sind ein Volk“ geändert hatten, konnte man ahnen, wohin die Reise gehen sollte. Für mich war klar, meine Karriere als Offizier bei der NVA war in naher Zukunft beendet. Ich brauchte etwas Neues! Doch welchen Beruf konnte man an der Abendschule in Rostock nach dem Dienst erlernen? Das Einzige, was es damals gab, war eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung zum Masseur und medizinischen Bademeister.

Foto:Photo by Mihály Köles on Unsplash

Wendezeiten

So kam es, dass ich mich mit einem Melker, einer Verkäuferin, einer Näherin und anderen Berufsgruppen aus dem breiten Spektrum der werktätigen Bevölkerung jeden Abend und am Wochenende an der Gesundheitsakademie ausbilden ließ. Mir gefiel diese neue Arbeit. Ich hatte sogar die Möglichkeit, im Medizinischen Punkt meiner Dienststelle mein Praktikum zu absolvieren.

Die ersten Prüfungen waren bestanden, als mich die rasante Entwicklung der Deutschlandpolitik einholte. Am 01. Oktober 1990 quittierte ich meinen Dienst bei der Nationalen Volksarmee und wurde ehrenhaft in die Reserve und in die Arbeitslosigkeit entlassen. Ab dem 03. Oktober war ich ein Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Und nun interessierte sich das Arbeitsamt für meine Person und wollte mich zum Sozialpädagogen oder Umwelt-Ingenieur umschulen lassen. Das hörte sich nicht schlecht an, aber bei der ersten Vorlesung habe ich meine gesamten Vorgesetzten wiedergetroffen und die alten Seilschaften. Das wollte ich dann doch nicht. Ich hatte noch meine laufende, selbstfinanzierte Ausbildung zum Masseur. Darauf konzentrierte ich mich nun.

Dann bot mir das Arbeitsamt eine Umschulung zum Reiseverkehrskaufmann an und drohte mir das Arbeitslosengeld zu streichen, wenn ich wieder ablehnen würde. Mir fehlte nur noch eine letzte praktische Prüfung in zwei Monaten zum Abschluss meiner neuen Laufbahn als Masseur und medizinischer Bademeister.

Die Deutsche Mark hatte die Lebenshaltungskosten explodieren lassen. Die Miete war auf Westniveau angehoben worden. Ich brauchte das Geld! In Rostock wuchsen in dieser Zeit die Reisebüros wie Pilze aus dem Boden. Die ehemaligen DDR-Bürger genossen die Reisefreiheit. Wer brauchte da einen Masseur? Also brach ich die Ausbildung ab und begann die Umschulung zum Reiseverkehrskaufmann.

Der Reiseverkehrskaufmann

Mein Praktikum machte ich bei verschiedenen Busunternehmen in Rostock und bekam so schnell Einblicke in die neue, weite westliche Welt. Und wer hätte das gedacht, Reisen war noch schöner als jeden Tag 20 Personen in einem engen Zimmer zu massieren. Die ganze Welt lag nun vor mir, anstatt fettleibige, verspannte Menschen!

Flugreisen haben mich schon immer interessiert. Deshalb bewarb ich mich nach meinem erfolgreichen Abschluss als Reiseverkehrskaufmann 1992 bei Tukan Reisen. Ich durfte als Büroleiter mit einer Azubine und einer Aushilfskraft das 57. Reisebüro in Rostock eröffnen. Mann war ich stolz!

Nach einem erfolgreichen dreiviertel Jahr in Groß Klein, einem Stadtteil von Rostock, wurde direkt vor unserer Nase eine riesige Baugrube für ein Einkaufscenter ausgebaggert. Von heute auf morgen waren wir von der Außenwelt abgeschnitten und das Büro musste schließen. Da die Lohnzahlung auch ausblieb, entschloss ich mich dieses Mal bei einer namhaften Firma aus den alten Bundesländern zu bewerben.

Rostock – Schwerin

Dem Geschäftsführer des großen Reisebüros am Alten Wall in Hamburg gefiel mein bisheriger Lebenslauf so gut, dass er mir sofort einen Büroleiter Posten in dem neuem First-Reisebüro in der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns anbot. Auch wenn ich täglich fast 4 Stunden auf der Bahn zwischen Rostock und Schwerin zubrachte, habe ich diese Entscheidung nie bereut.

Foto: First Reisebüro Schwerin (privat)

Ich habe in dieser Zeit so viel über das Reisen, über die Reisebüro-Technik und den Verkauf gelernt. Davon profitiere ich noch heute. Und ich war erfolgreich.

Das hat meinen Chef sehr beeindruckt und deshalb hat er mich nach Rostock versetzt, um das dortige Reisebüro auf Vordermann zu bringen. Ich war wieder zurück in meiner Heimatstadt. Das fühlte sich alles richtig und gut an.

Bis ein Jahr später ein Franchisenehmer mit demselben Logo ca. 800 m vor unserem Laden ein weiteres First-Reisebüro aufmachte. Es gab in dieser Zeit dann schon mehr als 80 Reisebüros in Rostock. Das war definitiv zu viel für die 254.000 Einwohner der Stadt. Die Leute dachten, wir wären umgezogen und sind dort hängen geblieben.

Auf mein Drängen wurden die beiden Büros zusammengelegt und ich hatte nun einen neuen Chef. Dieser verstand sein Handwerk nicht und als ich wieder nach Schwerin sollte, habe ich gekündigt.

Diese Entscheidung fiel mir sehr schwer. Auch weil meine neue Arbeitsstelle nun in Berlin war und ich wieder pendeln musste. Ich kam nur am Wochenende nach Hause. Meine Familie hat mich dafür öfter besucht. Dabei ist bei meiner Tochter der Wunsch entstanden, in Berlin zu studieren. Heute lebt sie immer noch dort und hat es nicht bereut.  

Foto: Hapag Lloyd Geschäftsreise Berlin (privat)

Mit dem Millennium hatte ich die Chance, nach Rostock zurückzukehren. Das Hapag Lloyd Reisebüro im Herzen der Stadt war nun meine neue Hoffnung für ein Leben und Arbeiten in meiner absoluten Lieblingsstadt, direkt am Meer. Ich nutzte sie. Nun war die Welt für meine Familie und mich wieder in Ordnung. Es ging uns so gut wie nie zuvor.

11.September 2001

Der Anschlag am 11. September 2001 krempelte mein Leben komplett um. Da Fliegen auf einmal gefährlich war, gingen die Flugreisen drastisch zurück. Der Terror und seine Auswirkungen, besser gesagt die Reaktionen darauf veränderten das Reisen bis heute.

Die TUI AG, wozu auch unser Hapag Lloyd Reisebüro gehörte, strich in der Folge 10.000 Stellen und schloss viele Geschäfte. Ich war wieder arbeitslos. Damit hatte ich niemals gerechnet, vor allem weil unser Büro gar nicht geschlossen wurde. Eine Welt brach für mich zusammen. Ein Kollege aus Lübeck mit einer längeren Betriebszugehörigkeit saß nun an meinem Schreibtisch.

Das Arbeitsamt wollte keine Umschulung auf einen anderen Beruf übernehmen, solange es noch offene Stellen für Reiseverkehrskaufleute gab. Ich hätte auch nicht gewusst, was ich hätte neu lernen sollen. Also schrieb ich in einem Monat knapp hundert Bewerbungen an Reiseveranstalter und Reisebüros in ganz Deutschland. Ich bekam von den meisten keine Antwort oder eine Absage. Es waren zu viele Bewerber auf die wenigen Stellen.

Schubert Reisen GmbH – Osnabrück

Nach den einzigen zwei Einladungen zu einem Vorstellungsgespräch in Bremen und Osnabrück war für mich schnell klar, Schubert Reisen GmbH ist für mich die Zukunft. Und diese Entscheidung hat mein Leben allumfassend verändert und am nachhaltigsten beeinflusst.

Foto: Schubert Reisen GmbH – Büro (privat)

Der kleine, feine Tickethändler für russischsprachige Reisebüros hat mich mit offenen Armen empfangen und mich bei allem unterstützt, was so eine Wochenend-Pendelei mit sich bringt. Die Arbeitskolleginnen stellten meine Ersatzfamilie unter der Woche dar. Dafür mag ich sie immer noch.

Dank Schubert Reisen habe ich meine jetzige Ehefrau kennen und lieben gelernt. Allein darüber könnte ich eine separate Geschichte schreiben.

Im Zug zwischen Rostock und Osnabrück habe ich viel gelesen und angefangen meine ersten Kurzgeschichten zu schreiben. Im Journal Holzhauser Leben wurde ein Beitrag im Herbst 2008 von mir zum ersten Mal veröffentlicht.

Schriftsteller oder Autor?

Schreiben ist inzwischen zu meinem Hobby geworden und mein erstes Buch mit Kurzgeschichten ist in Arbeit. Drei Kinderbücher sind bereits erschienen.

Foto: Screenshot- noz.de

Über Umwege (Weeze und Herford) bei weiteren Arbeitgebern bin ich nun in Osnabrück und wieder bei der TUI angekommen. Gefühlt ging es mir noch nie so gut in meinem Leben. Ich liebe meine Familie. Und ich mag meinen Job als Reiseverkehrskaufmann.

Wer weiß, was das Leben noch mit mir vorhat?

Ob das Schicksal oder mein freier Wille mich irgendwann wieder nach Rostock führen werden?

Juli 2021

Titelfoto: Photo by Vidar Nordli-Mathisen on Unsplash

© 2021 Ingo M. Ebert
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk (Text) darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Autoren wiedergegeben werden.

Endlich Erdbeeren

Erste Erdbeerverkaufsstellen entdeckt. Einheimische Erntesaison eröffnet.

Erdbeerlose Ewigkeit endet, endlich Erdbeeren einwerfen.

Enorme Erwartungshaltung, Erdbeeren essbar?

Erwerbe einen Eimer. Edles Erscheinungsbild, Exklusivität erheischend.

Esse eine, ehrlicherweise eher enttäuschend. Erdnussgeschmack, echt eigenartig.

Erster Erdbeergenuß eindeutig ernüchternd und erschütternd.

Egal, einfach einzuckern! Erfreulicher Erfolg.

Entscheide erst einmal einige einzufrieren. Eisfach erforderlich. Eiskalt erwischt!

Einwecken ebenbürtig? Entschlossen Erdbeeren exakt eingefüllt.

Einmachgläser empfehlenswert.

Erfolgreich erledigt.

Erdbeereiskreme ebenfalls eingekauft, einen Eisdealer erfreut.

Euphorisch experimentiert: Erdbeeren, Essig-Essenz, Estragon, Eier, Eukalyptus eingerührt.

Einen Exportschlager erfunden? Extraklasse? Erfolgskurs?

Es eskaliert extrem, ein Erdbeben erschüttert Eigentumswohnung.

Einkocher explodiert!

Elektrizität erwischt Epidermis effektiv, Einlegesohle erglüht.

Eingeweide entgleiten.

Exitus!

Juli 2021

Titelfoto: Photo by Ilona Frey on Unsplash

© 2021 Ingo M. Ebert
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk (Text) darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Autoren wiedergegeben werden.

Foto und Rezept: Spaghetti mit Mango und Erdbeer » mit exotischen und heimischen Früchten | GOURMETmagazin (gourmet-magazin.de)

Mein Tipp:

Spaghetti mit Erdbeeren und Mango an Erdnuss-Sauce

Zutaten für 4 Personen:

500g Spaghetti
1 Mango
200 g Erdbeeren
Für die Sauce:
400 ml cremige Kokosmilch
3 EL Erdnusscreme
2 EL Rote Curry Paste 
2 EL Teriyaki Sauce
1 EL Limettensaft
3 EL Brauner Zucker
3 Knoblauchzehen (gepresst)
80 g Erdnüsse

Zubereitung:

  1. Die Kokosmilch in einen Topf geben und erhitzen, bis sie leicht köchelt.
  2. In der Zwischenzeit die Erdnüsse kleinhacken.
  3. Erdnusscreme, Rote Curry Sauce, Teriyaki Sauce, Limettensaft, Zucker und Knoblauch zugeben und das Ganze bei hoher Hitze köcheln lassen, bis die Sauce reduziert ist und die gewünschte Konsistenz erreicht wird. Die Hälfte der gehackten Erdnüsse unterrühren.
  4. Die Spaghetti nach Packungsanleitung al dente kochen. In der Zwischenzeit die Mango entkernen, schälen und in Würfel schneiden. Erdbeeren abwaschen, Grün abschneiden und vierteln
  5. Die Sauce mit den Spaghetti vermengen und portionsweise mit etwas Mango, Erdbeere und den restlichen Erdnussstücken garnieren. Sofort servieren.

Dazu passt eine Altbierbowle mit Erdbeeren.

Ein unmoralisches Angebot

Ich bin mit dem Rad auf dem Weg nach Hause. Die knapp sieben Kilometer zur Arbeit fahre ich querfeldein an grünen Feldern vorbei und durch ein größeres Waldstück. Ich liebe Fahrradfahren.

Ich mag es, wenn am frühen Morgen der bleierne Nebel aus den Feldern steigt, die Sonne als helle Scheibe gegen die Wolken ankämpft. Im Wald erwachen die Vögel, ab und zu springt ein Hase oder ein Reh hastig in das Dickicht zurück. Der Wind spielt mit den Ästen und Wipfeln. Die Luft ist angenehm frisch und würzig.

Es war ein heißer Sommertag im überhitzten Büro und ich genieße die feuchte Kühle im Wald auf dem Rückweg. Meine Gedanken schweifen ziellos umher, das Rad kennt den Kurs, meine Konzentration wird nicht gebraucht.

Auf einmal treten zwei komische Typen aus dem Wald kommend auf den Weg.  Ich denke so, wie Wanderer sehen sie nicht aus mit ihren grellbunten Jacken und breiten Schlaghosen. Auf dem Schlagermove wären sie nicht aufgefallen, aber hier passen sie nicht hin. Vorsichtshalber bremse ich ab, denn es sieht nicht so aus, als ob sie den Pfad freigeben wollen. Sie haben sich sicherlich verirrt und fragen gleich freundlich nach dem Weg.

„Entschuldigen Sie die Störung“, spricht mich der eine lächelnd an.

„Mein Name ist Borg, wir möchten dich einladen, unseren Planeten Yankee Zulu 397 zu besuchen.“

“Oh Gott, auch noch bekifft!“, murmele ich vor mich hin.

„Unser Luxusreisegefährt steht nur wenige Meter von hier im Wald startbereit“, meldete sich der Zweite zu Wort. Sie haben einen Akzent, welcher mich an die Google-Translator-Sprachausgabe erinnert.

„Warum ausgerechnet ich?“, frage ich verunsichert nach und fühle mich bei der Sendung „Verstehen Sie Spaß“ ins Visier genommen.

„Unser Ansinnen kommt unverhofft, dessen sind wir uns bewusst“, entschuldigt sich Borg. „Wir haben dich ausgewählt, weil du keine Tiere isst, deine Welt nicht mit giftigen Abgasen belastest, ein hilfsbereiter, kommunikativer und intelligenter Eingeborener bist. Wir beobachten dich schon eine längere Zeit.“

Eine versteckte Kamera kann ich immer noch nicht entdecken. Mir fällt die Kinnlade runter.

„Wir brauchen solche Menschen wie dich auf unseren Planeten“, ergänzt der andere. „Die Erde wird sich schon in wenigen Jahren selbst zerstört haben. Unser Planet ist erdähnlich und wir wollen euere Spezies gern erhalten.“

Ich fasse mich und versuche das Gesagte zu verarbeiten.

„Vielen Dank für diese Ehre, ich bin aufrichtig gerührt. Ich weiß nicht, ob ich für diesen Schritt bereit bin, schließlich wird sich mein Leben komplett verändern.“ 

Die beiden nicken zustimmend und eine gasförmige leuchtende Aura umhüllt nun ihre Körper.

„Darf ich meine große Liebe, meine Frau mitnehmen?“, möchte ich nun wissen.

„Das ist absolut unmöglich“ erwidert Borg, „nur Auserwählte dürfen mitkommen. Auf unserer Welt findest du mit Sicherheit eine neue Gefährtin.“

„Du musst dich sofort entscheiden!“, macht der Zweite auf einmal Druck.

Ich denke kurz nach: Ich wäre ein Gesandter der Erde, könnte beweisen, dass es auch Menschen gibt, die nicht ohne Sinn und Verstand die Welt, den Planeten und das ganze Universum zugrunde richten. Dafür werde ich hier alle und alles zurücklassen müssen. Bei dem Gedanken wurde mir schwindelig.

„Gibt es auf euren Planeten auch Gin?“, rutschte mir, der auf einmal gekommene Geistesblitz aus dem Mund.

„Nein, Alkohol ist Gift für lebende Zellen. Wir achten streng darauf, dass keine Gifte oder Krankheiten eingeschleppt werden.“ Borg schaut inzwischen hektisch auf sein Armbandcomputer.

„Gin ist nicht einfach nur Alkohol!“, versuche ich zu erklären. „Es ist ein Lebensgefühl, eine Passion!“

„Nein, keine Chance, ist verboten!“, gibt der zweite Außerirdische kurz und knackig zu Protokoll.

„Gib deinem Leben einen Gin!“, bete ich vor mich hin, während ich den letzten Kilometer durch den Wald radele.

Juli 2021

Titelbild: Gib deinem Leben einen Gin – Foto (privat)

© 2021 Ingo M. Ebert
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Ein Match mit Happy End

Der erste Kontakt erfolgte vor ein paar Tagen. Scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht, Pollux war völlig unvorbereitet gewesen. Viele Nachrichten gingen seitdem hin und her. Pollux und Luna hatten sich inzwischen soweit angenähert, dass dem ersten Treffen mit Spannung entgegengefiebert wurde. Die Voraussetzungen waren günstig, die Zeit wurde abgestimmt und bestätigt. Noch waren viele Fragen offen. Waren beide Seiten dazu wirklich bereit und technisch in der Lage? Welche äußeren Störungen konnten auftreten und damit kurzfristig diesen komplizierten Vorgang behindern?

Der Tag rückte näher, Hektik kam auf. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Der Landeplatz war mit Bedacht gewählt. Alle Varianten wurden theoretisch durchgespielt. Ein peinliches Scheitern sollte ausgeschlossen werden.

Heute ist der Tag X.

Das notwendige und zeitaufwendige Vorspiel wurde erfolgreich beendet. Die Bodenstation ist nun empfangsbereit. Die Ankunft wird mit großer Spannung erwartet. Jetzt, nun ist es endlich soweit. Der Körper schwebt wie magisch lautlos über dem Auge des Betrachters heran. So dicht, dass man jedes Detail haarscharf erkennen kann.

Zwei große Ausbuchtungen mit kurzen Antennen an der Spitze, parallel und perfekt synchron, fesseln vorübergehend die Aufmerksamkeit, als der Organismus auf der Hälfte des Überfluges flüchtig stockt und regungslos verharrt, um gleich darauf langsam weiter zu gleiten.

Der außergewöhnliche Anblick, ein vollendet gebauter schlanker Rumpf, die Krönung der Schöpfung mit makellos heller Außenhaut, fasziniert den Beobachter. Die Schleuse hat sich geöffnet, glitzert feucht im diffus einfallenden Sonnenlicht.

Das Objekt nähert sich unaufhaltsam. Es scheint, dass ist nicht die erste Begegnung Lunas mit dieser Spezies. Denn keinen Millimeter zu weit senkt sich nun der glatte Körper, perfekt beherrscht, Zentimeter für Zentimeter in Zeitlupe herab.

Der Landestutzen ist komplett ausgefahren, bereit zum Andocken.

Endlich, es berühren sich die beiden Pole. Ein leichtes Zittern geht durch den Torso, um dann mit einem Seufzer vollständig aufzusetzen.

Die Verbindung ist nun hergestellt, es passt alles perfekt ineinander. Die Triebwerke laufen stöhnend aus, große Erleichterung auf beiden Seiten.

Happy End!

geschrieben November 2020

Titelbild: „Luna“ – Tuschezeichnung von © 2021 Saskia Menzel

© 2021 Ingo M. Ebert
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Endlich Grillen

Man kann es kaum glauben, der Sommer ist wieder da. Was gibt es schöneres als Grillen, Bier und Sonnenuntergang mit einem tellergroßen Steak, auf der einen Seite halb verbrannt und auf der anderen halb blutig in der Hand?

Natur-gemäß ist diese Aufgabe was für richtige Männer! Denn wer hat das Feuer erfunden?

Richtig, natürlich die Männer!

Also den neu gekauften Profigrill zusammengebaut, die übrig gebliebenen Schrauben und Stangen entsorgt, (wieso das Ding jetzt wackelt, keine Ahnung?). Den 15 kg Holzkohlesack aufgerissen, dabei die Hälfte über den Boden verstreut und mit Spiritus erst die Haare und dann die Kohle angezündet.

Wow, wie die Flammen brennen und rußen tun!

Dann gibt es ein leichtes Knacken und zisch … habe ich mir mein linkes Ohrläppchen von hinten durch den Funkenflug verbrannt. Autsch! … Das tut echt weh … mit dem kühlen Bier gelöscht und gekühlt, immer noch wundernd, wie so was gehen kann, haue ich die klodeckelgroßen Steaks auf den Grill! Das Fett lässt die Flamme erneut einen halben Meter über den Rost aufsteigen.

Mit der riesigen Zange und dem krassen Messer versuche ich die Teile zu wenden. Welcher Idiot hat sich das ausgedacht, Ritzen zwischen den Stangen, da rutscht doch das Fleisch rein! … Schwitz!

Endlich gewendet, das obere Teil ist nun nicht nur von der Holzkohle schwarz!

Macht nix, ich mag es sowieso etwas herzhafter!

Mein linkes Ohrläppchen schmerzt nun wieder, der Schweiß läuft, die Augen tränen von dem Schei.. Qualm!

Ich liebe grillen!

Nun fängt das Kind an zu nerven, es hat Hunger! Ja, verflucht noch mal, ich auch!

Wo sind denn jetzt bloß die echten Thüringer Rostbratwürste hin? Uuupps… unter den Tisch gerollt. Schnell auch auf den Grill, ist sowieso gleich alles gleichmäßig schwarz, egal von was.

Foto:privat

Nun kommen der Rest der Familie und die gerade eingetroffenen Bekannten dazu!

Haben gerochen, dass es was zu essen gibt! Klar, nun kommen auch noch die gut gemeinten Vorschläge, haben ja ebenfalls alle Ahnung vom Grillen und sparen nicht mit Tipps und Tricks. Als ob ich nicht selbst schon mal ne Flamme mit einer Pulle Bier gelöscht hätte… der weiße Schaumstrahl schießt zischend über das Ziel hinaus und vertreibt die ersten „Langfinger“, welche nicht abwarten können oder wollen! Ha,… ich verteidige das Grillgut bis zum letzten abgebrannten Kohlestück! Was heißt hier, das Fleisch wird zu trocken? … Wozu gibt es denn Ketchup?

10 Minuten später, denn ich habe die Macht, rufe ich:

„Das Fleisch ist jetzt fertig!“

Ausgehungert schlingen alle das verbrannte Grillfleisch runter, ohne sich auch nur mit einem einzigen Wort zu beschweren!

Seufz…eine Ruhe! Wie schön entspannend kann grillen sein!

geschrieben: Sommer 2010

Titelbild: Holzkohlegrill – Foto (privat)

© 2021 Ingo M. Ebert
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