Mein Leben als Reiseleiter

Mein Leben als Reiseleiter

Es gibt so viele Arten von Reiseleitern, wie es Reisearten gibt. Ich möchte aus eigener Erfahrung das Leben einer Busreiseleitung vorstellen. Über die Freuden eines Reiseleiters von Pauschal- und Flugreisen hat man in letzter Zeit schon genug im Fernsehen gesehen, Stichwort: Hotel-Tester und Co. Deshalb möchte ich darauf nicht weiter eingehen.

Dennoch hält sich hartnäckig die Vorstellung, die Reiseleiter haben einen Traumjob arbeiten, wo andere Urlaub machen. Aber so einfach ist das nicht. Sicher gibt es auch schöne Stunden im Leben eines Reiseleiters bei Busreisen, wenn das obligatorische Trinkgeld am Ende der Fahrt verteilt wird oder wenn man seinen Traumpartner für die Woche gefunden hat!

Die Busreise

Doch fangen wir von vorne an, die Begrüßung der Busgäste beim Einstieg am Heimatort oder auf einen der vielen Zustiege, den zentralen Busbahnhöfen und Autobahn- Raststätten auf dem Weg zum Ziel der Reise. Meist früh am Morgen darf man freundlich lächelnd auf sich allein gestellt die riesigen und schweren Schrankkoffer der Reisenden im Bauch des Megaliners verstauen. Genau in diesen Momenten ist der Busfahrer urplötzlich wie vom Erdboden verschluckt.

Foto: Wolters Touristik (wolters-bus.de)

Dann werden die Reisedokumente kontrolliert. Anschließend die bereits sitzenden Gäste erneut umgesetzt, weil der neu Eingetroffene ein steifes linkes Bein hat und nur bis zu zwei Reihen hinter dem Fahrer sitzen kann. Nach dem zwanzigsten Halt und völlig durchgeschwitzt werden nun alle Kunden an Bord im Namen des Busreiseveranstalters begrüßt und mit den wichtigsten Verhaltensregeln vertraut gemacht: 1. Der Bus hat zwei Ein- bzw. Ausgänge vorn und hinten. 2. Die Toilette im Bus ist defekt und wir werden deshalb alle zwei Stunden auf Rastplätzen, wo es meistens auch sanitäre Anlagen gibt, anhalten. 3. Während der Fahrt nicht rauchen, essen, trinken oder laut sein. 4. Aus Sicherheitsgründen müssen alle angeschnallt sein und unter keinen Umständen darf während der Fahrt aufgestanden werden. 5. Der geplante Reiseablauf ist heilig und darf niemals, niemals verändert oder angepasst werden. 6. Das Wichtigste: Während der Fahrt weder den Fahrer noch den Reiseleiter ansprechen!

Nach dieser Ansprache hat man zumindest bis zur ersten Rast seine Ruhe.

Bei der Ankunft am Reiseziel hat leider jeder Reiseleiter das Problem mit den Sonderwünschen der Gäste und dem garantiert falsch gebuchten Zimmer im Hotel. Während manche Gäste noch wie aufgescheuchte Hühner gackernd durch die Hotellobby irren, werden schon die ersten Zimmer reklamiert: Die Aussicht aus dem Fenster zum Hinterhof ist unzumutbar. Das Zimmer auf der Straßenseite ist zu laut. Ein Zimmer im Erdgeschoß ist zu unsicher, da kann man in der Nacht ausgeraubt werden. Das Zimmer in der 2. Etage ohne Fahrstuhl ist eine Zumutung für einen älteren Menschen. Das Zimmer hat nur eine Duschkabine. Eine Badewanne ist zu gefährlich und nicht mehr zeitgemäß. Die Klimaanlage ist zu kühl und viel zu laut. Ein Zimmer ohne Klimaanlage ist in diesen Regionen eine Zumutung.

Zum Glück sind bei Busreisen Hotels mit Pool oder eigenem Strand eher selten und so hat schon nach zwei Stunden jeder sein Zimmer ohne Meerblick bezogen. Dank der Mobilität sind die Absteigen meistens in Randlage von Städten oder in Gewerbegebieten angesiedelt, was die Aufsicht und die Kontrolle der Gäste zusätzlich begünstigt. Die obligatorischen Zuspätkommer bei Abfahrten lassen sich aber trotzdem nicht vermeiden.

Am Zielort und bei den angebotenen Ausflügen ist die Reiseleitung deswegen ständig bemüht, den aufgeregten Haufen zusammenzuhalten und an riesigen Schlangen vorbei in irgendwelche Museen zu schleusen oder zu Wein-, Käse- oder Süßigkeiten- Verkostungen zu bringen. Wobei die letzteren Orte für den ohnehin schmalen Geldbeutel des Reiseleiters eine Oase sind, denn für jeden herangefahrenen „potenziellen Käufer“ gibt es eine „Kopfprämie“ und einen Präsentkorb.

Hat man endlich seine Gruppe soweit erzogen, dass man sich mit ihnen auch auf etwas belebtere Plätze trauen kann, machen einem die Einheimischen Probleme. Nein, ich meine jetzt nicht die zahlreichen Trickdiebe oder Wegelagerer in Form von Gastronomie und Polizei, welche die Gruppe immer wieder aufscheuchen und für stundenlange Diskussionen zum Thema Menschenrechte und EU-Erweiterung führen. Sondern es ist die einheimische Touristenindustrie mit ihren undurchschaubaren Öffnungszeiten, Sonderbestimmungen und Veranstaltungen, welche sich innerhalb einer Woche komplett ändern können und somit jeden geplanten Reiseverlauf zum Scheitern verurteilen.

Herausforderungen

So kann es schon mal passieren, dass eine Reisegruppe vor verschlossenen Türen steht, weil das Kloster eine Woche früher Ferien macht. Die Prozession mit der Heiligen Maria schon vorbei ist, weil der Veranstaltungskalender nach dem Druck korrigiert wurde. Oder nur Busse mit einer bestimmten Höhe, Maximalgewicht oder heller Lackierung die Brücke zum Burgschloss befahren dürfen.

Dann heißt es improvisieren und sich nicht von den sicher gut gemeinten Vorschlägen der Reisegruppe beirren lassen. Ein paar Beispiele gewünscht?

Das Kloster ist zu? Aber die Klosterschenke ist doch offen. Freibier!

Keine Prozession, dann machen wir unsere eigne. Wer trägt die Heilige Maria?

Der Bus ist zu schwer? Dann steigen wir alle einfach aus oder halten die Luft an.

Der Bus ist zu hoch? Wir lassen die Luft aus den Reifen oder wir schneiden das Dach ab, dann haben wir ein Cabrio!

Wir sind schon so lange unterwegs, können wir nicht die paar Schritte zum Klosterberg hochlaufen? Darauf habe ich mich tatsächlich eingelassen.

Mein Fehler

Der kurze Fußweg entpuppte sich als ein vier Stunden Aufstieg quer durch den Urwald. Oben angekommen sahen wir im Nebel nur den unteren Teil eines Funkturms. Ich konnte mir auch nicht erklären, wohin das Kloster auf einmal verschwunden war. Der fünfstündige Abstieg bei nun stockfinsterer Nacht war jedoch noch schlimmer. Auf dem Marsch des Grauens zum Parkplatz zurück, haben wir trotz Wassermangels und „schweren Verletzungen“ keinen zurückgelassen. Das wir deshalb zu spät zum Abendessen ins Hotel gekommen sind und nichts mehr bekommen haben, war nicht meine Schuld, oder? Dabei hatten diesmal keine einheimischen Witzbolde die Wanderschilder verdreht, denn es waren auf unseren unbefestigten Waldpfaden, die wir gefunden hatten, erst gar keine vorhanden. Eine Navigationsapp gab es damals noch nicht. Jedenfalls betreue ich seitdem auch keine Wanderreisen mehr!

Foto: Kloster Kreuzberg (privat)

Fix und fertig, knapp dem Tode entkommen lag ich danach auf dem Bett, als es an meiner Zimmertür klopfte! Ich quälte mich hoch und dachte, mich trifft der Schlag, als ein Teil der Reisegruppe davorstand. Wollten Sie sich jetzt etwa schon beschweren, schoss es mir durch den Kopf.

Nein, weit gefehlt! Laut Reiseplan wäre ab 22:00 Uhr Tanz im Saal des Hotels. Die Räumlichkeit wäre aber nicht so einfach auffindbar. Vor einer halben Stunde wollten sie noch sterben und keinen Schritt mehr gehen und nun eine kesse Sohle aufs Parkett legen? Völlig fassungslos starrte ich sie an. Es sei schließlich auch im Reisepreis enthalten, bekam ich zu hören.

Kopfschüttelnd und die letzten Kräfte mobilisierend, wankte ich auf meinen riesigen Blasen voraus, um den Herrschaften den Weg zum Saal zu zeigen.

Egal wie sich ein Reiseleiter selbst fühlt, er muss immer ansprechbar sein. Er kümmert sich um alle Wehwehchen seiner Gäste persönlich. Angefangen bei einem eingeklemmten Nervus ischiadicus bis hin zu den vergessenen Herztropfen. Selbstverständlich ist er auch verantwortlich für das schlechte Fernsehprogramm, für das Wetter und für den Stau auf der Autobahn.

Aber die absolute Krönung für jeden Reiseleiter ist, wenn man am Pfingstsamstag vor achtzig Leuten steht und erklären muss, dass die bezahlte und schon seit Monaten ausgebuchte Reise nach Paris nicht stattfinden kann, weil der Chef vergessen hat, den Bus zu bestellen. Diesen Aufruhr kann man nicht beschreiben. Wegen der Zensur verzichte ich auf die Wiedergabe der Schimpfwörter, welche mir damals an den Kopf geworfen wurden.

Nachdem ich diesen dunkelsten aller Tage überlebt hatte, habe ich beschlossen, keine Busreisen mehr zu begleiten. Übrigens, mein Ex- Chef sucht noch einen Reiseleiter! Hätte jemand Interesse?

Oktober 2008

Titelbild: Ingo M. Ebert (privat) – Funkturm auf dem Kreuzberg/Rhön

© 2020 Ingo M. Ebert
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