Mein Leben als Reiseleiter

Die wahre Geschichte

In der zweijährigen Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann arbeitete ich bei drei verschiedenen Busreiseveranstaltern: Tommis Top Tours, Wolters Bustouristik und PTI Panoramica Touristik International. Letzterer wollte mich nach der Ausbildung nicht übernehmen, ich war seiner Meinung nach zu schlau für den Job.

So war meine erste Arbeitsstelle ein kleines Reisebüro in Groß Klein, einem Stadtteil von Rostock. Wir verkauften dort Pauschalreisen, Ferienhäuser, Busreisen und Fährtickets. Meine Idee, eigene Busreisen zu organisieren, unterstützte mein Chef von Tukan Reisen GmbH und so durfte ich einige Touren ausarbeiten. Leider war die Nachfrage gering und es fanden nur zwei Reisen im Oktober 1993 in die Rhön statt. Die Erste verlief ohne nennenswerte Komplikationen u. a. mit dem Besuch des Klosters auf dem 928 m hohen Kreuzberg. Von seinem Gipfel eröffnet sich der Rundblick weit in das fränkische Land, die Hessische Rhön, den Thüringer Wald und den Spessart. Von 1681 bis 1692 errichteten dort die Franziskaner die heutige Wallfahrtskirche zusammen mit einem Kloster und um 1731 eine Klosterbrauerei. In der Kirche soll sich ein Fingerknochen von Jesus oder einem anderen Heiligen befinden, kann mich nicht mehr so genau daran erinnern.

Die Busreisen

Wie gesagt, die erste Tour verlief ohne große Probleme. Eine Woche später hatten wir die gleiche Fahrt noch einmal. Bei der Anreise standen wir schon mal vier Stunden im Stau. Der Busfahrer kannte einen Schleichweg, der sich als Grenzweg der DDR herausstellte und so fuhren wir im Schritttempo über holprige Betonplatten endlose zwei Stunden durch den Wald, mit der Angst im Nacken vielleicht stecken zu bleiben oder eine liegen gebliebene Mine zur Detonation zu bringen. Zum Glück haben wir unser Hotel ohne weitere Zwischenfälle erreicht.

Die gemütliche Wanderung

Am zweiten Tag war laut Programm der Besuch des Klosters geplant. Es war schon weit nach Mittag und wir hatten von unserem Ausgangspunkt Ostheim an der Rhön die Anfahrt zum Kreuzberg erreicht. Bei der Raucher- und Würstchen – Pause entdeckten ein paar Gäste einen Pilgerpfad, nur sechs Kilometer bis zum Kloster.

Foto: Klosterkirche (privat)

Da dieser hier am Parkplatz sehr breit und befestigt war und nur leicht anstieg, ließ ich mich zu einer „gemütlichen Wanderung“ nach dem langen Sitzen während der Anfahrt überreden.

Noch schien die Sonne, aber der Himmel zog sich schon langsam zu.

Der Pilgerpfad wurde immer unwegsamer, enger und steiler, je näher wir in Richtung Gipfel kamen. Nach ca. zwei Stunden waren wir oben angekommen, um dann vor einem geschlossenen Klostertor zu stehen. Seit wann machen Klöster Betriebsferien???

Die Gäste waren richtig sauer und meine Entschuldigung, ich wäre vor einer Woche hier gewesen und da waren noch keine Ferien angekündigt, ließen sie nicht gelten. Zum Glück war die Klosterbrauerei geöffnet und ich habe den gesamten Bus zum Kaffee und Bier eingeladen.

Foto: Klosterbrauerei (privat)

Der Abstieg

Nun war es bereits später Nachmittag und es wurde langsam dunkel. Die Gäste weigerten sich, den steilen Abstieg des Pilgerpfades zurückzunehmen. Laut Aussage des Wirtes gäbe es einen weniger beschwerlichen Pfad zum Parkplatz. Also machten wir uns in der mittlerweile aufgekommenen Dunkelheit und bei Nebel auf dem Weg. Aber wir fanden nicht den richtigen Abzweig und so standen wir nach einer Stunde durch den Wald an einer Absperrung zu einem Funkturm, kein Weiterkommen hier! Also wieder zurück. Nach einer halben Stunde kreuzte unseren Weg eine Schleifspur. Hier hatten die Waldarbeiter Holz aus dem Wald geholt.

Aus meiner Erfahrung schleifen die Forstarbeiter immer die Bäume in Richtung Straße, wo es später abtransportiert werden kann. Also folgten wir dieser Spur bergab. Nun waren die ersten Ausfälle zu beklagen. Mit großen Überredungskünsten (eine ältere Dame wollte lieber hier und jetzt sterben, als weiter durch den Wald zu irren) und mit teilweiser Gewalt (ein Mann wollte mich schlagen, weil ich keine Pause zuließ), trieb ich die Meute den Berg runter. Nach zwei weiteren Stunden erreichten wir tatsächlich eine Straße. Es war stockfinster und absolut still, man konnte nicht erkennen, in welche Richtung es bergab oder bergauf ging.

Die richtige Entscheidung

Eine Entscheidung musste her und ich entschied mich für den rechten Weg, nach rechts. Nach zehn Minuten ging die Straße bergab, wir also liefen nicht zum Gipfel zurück. Gott sei Dank! Aber ob der Parkplatz vor oder hinter uns war, wusste ich immer noch nicht. Ich hatte die Hoffnung, wenn wir auf der Straße sind, dass vielleicht ein Auto kommt. Kam aber keines! Zum Glück hatten wir nach einer weiteren Stunde Marsch auf der Straße tatsächlich unseren Parkplatz erreicht. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie erleichtert ich war. Erst mal eine Runde Getränke ausgegeben und ab in Richtung Hotel, wo es tatsächlich kein Essen mehr für uns gab. Die Küche hatte geschlossen. Aber es hatte sowieso niemand Hunger, so fertig waren alle.

Nach dem Duschen lag ich auf meinem Bett und bewunderte die Blasen an den Füßen. Es klopfte an der Tür …. Diesen Teil kennt Ihr ja schon. Ich konnte jedenfalls nicht mittanzen und war froh, wieder in meinem Zimmer angekommen zu sein, wo sich meine geschundenen Füße erholen konnten!

Hinterher haben alle über diese Tour gelacht. Nur mein Chef fand das gar nicht lustig. Er hat mir obendrein noch die Spesen eigenhändig in Rechnung gestellt!

Die Kunden sind später tatsächlich wieder gekommen und haben nach Reisen mit mir als Reiseleiter gefragt. Wer hätte das gedacht! Aber für mich war diese Tour die letzte gewesen. Unser Büro wurde geschlossen, mein Chef war bankrott.

Böse Zungen behaupten, es wäre meine Schuld, vor allem, weil ich später noch zwei weitere Pleiten meiner Arbeitgeber erleben durfte. Aktuell arbeite ich bei der TUI Deutschland, welche dank Staatshilfen weiterhin am Leben ist.

Ich schwöre, meine Schuld ist es nicht!

April 2021

Titelbild: Ingo M. Ebert (privat) – Kreuze und Funkturm auf dem Kreuzberg/Rhön

© 2021 Ingo M. Ebert
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