Heute ist mein Tag

Heute ist mein Tag

Ich wache auf. Es ist dunkel und still. Wie in einem Sarg, denke ich. Ich bin allein, ganz allein. Ich liege auf meiner Pritsche und allmählich kann ich den Raum um mich herum erkennen. Alles befindet sich an seinem Platz, nichts ist verändert. Der spärlich eingerichtete Raum besitzt kein Fenster, nur eine Tür, kaum zu erahnen. Sie ist massiv und fest verschlossen. Ich erkenne meine Arbeitsgeräte an der Wand, einen Spind und den Kühlschrank im diffusen Licht der Leuchtdioden meines Laptops. Meine Augen sind an die Dunkelheit gewöhnt. In letzter Zeit halte ich mich nur im noch im Dunkeln auf, Tageslicht habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Es lässt meine Augen schmerzen. Mein Leben ist die Nacht. Ich bin der Letzte meiner Sorte, ein Dinosaurier unter den Säugetieren. Ich bin im besten Alter, mein Körper ist gesund und trainiert. Meine Muskeln zeichnen sich stahlhart unter meinem enggeschnittenen weißen Hemd ab. Trotzdem fühle ich mich alt, müde und verbraucht. Ich werde sterben. Heute. Weil ich es so will. Es ist allein meine Entscheidung.

Nach dem tiefen traumlosen Schlaf fühle ich mich traurig, unendlich traurig. Wie ein großes, schweres Ungeheuer hat mich die Traurigkeit gepackt, schnürt mir die Luft ab. Ich habe zum ersten Mal in meinen Leben Angst. Bisher kannte ich keine Angst. Ich war ein eiskalter Killer. Angst macht einen schwach und verwundbar. Regelmäßiges, hartes Training, klare Regeln, keine Kompromisse, überirdische Reflexe und eine schnelle Auffassungsgabe ließen mich zur Nummer 1 aufsteigen. Ich habe keinen Namen, keine Freunde oder Bekannte, kein Mensch auf dieser Welt interessiert sich für mich. Ich bin ein Niemand. Nein das stimmt nicht! Gerade weil ich die Nummer 1 bin, ist die ganze Welt hinter mir her und diese Verbrecher werden nicht eher ruhen, bis sie mich zur Strecke gebracht haben. Viele versuchten es, aber es ist keinem gelungen, sie waren nicht gut genug gewesen. Ich hörte auf die Versager zu zählen und kann mich an keine Gesichter erinnern. Sie waren alle jung. Diese Killer dachten, wenn sie mich töten, dann sind sie selbst die absolute Nummer 1. Sie waren bislang nicht perfekt und mussten noch viel lernen.

Ich hatte in meiner Jugend Glück gehabt. Nach meiner Spezialausbildung in der Armee zum Einzelkämpfer, wurde ich auf meiner Reise durch Amerika vom CIA angesprochen, ob ich mich um einen Spezialagenten der Russen kümmern könnte. Ich verlangte viel Geld. Richtig viel Kohle, und trotzdem bekam ich die Arbeit. Diesen ersten Job erledigte ich so sauber und unglaublich perfekt, dass ich mich um weitere Beschäftigungen nicht mehr zu kümmern brauchte. Regierungen und Konzerne aus der ganzen Welt boten mir Unsummen für einen Kopf. Ich konnte es mir leisten, mir meine Aufträge auszusuchen.

Ich war ein Meister der Täuschung und Tarnung. In den größten Metropolen der Welt war ich zu Hause und fiel als weißer Mann nicht auf. Mein bürgerlicher Name ging verloren, mein Aussehen wechselte wie meine schwarzen, maßgeschneiderten Anzüge. Ich lieferte pünktlich ab und war die Nummer 1. Damit begann die Jagd auf mich. Ich zog mich in die Unterwelt der Großstädte zurück und ging nach Europa. Hier kannte ich mich am besten aus.

Ein zur Ruhe setzen kam für mich nicht in Frage, das konnte ich mir nicht vorstellen. Die Jagd auf mich war ein Spiel, es zog mich in seinen Bann. Der Meister ließ die Lehrlinge bluten. Doch irgendwann wurde es lästig. Ich nahm schon lange keine Aufträge mehr an und zog mich noch weiter zurück in die Dunkelheit der unterirdischen Kanäle und Katakomben der Städte. Ich wurde zum Nachtmenschen. Meine Augen gewöhnten sich immer mehr an die ewige Dunkelheit. Doch das machte die Suchenden noch rasender und unvorsichtiger. Ich kannte inzwischen jeden unterirdischen Bunker, jeden Abwasserkanal und jedes Loch in Paris und Berlin. Sie hatten hier unten keine Chance gegen mich. Doch die Welt hat sich inzwischen verändert. Die Branche wandelt sich. Jetzt morden Internetseiten, ferngesteuerte Hightech-Drohnen und Kampfroboter. Schneller, billiger und effektiver. Fachkräfte wie ich, werden nicht mehr gebraucht.

Photo by William Daigneault on Unsplash

Langsam setze ich mich auf den Rand der Pritsche. Ich bin angezogen, nur die Waffe und das Jackett habe ich abgelegt. In Gedanken gehe ich noch einmal alles durch: die erfolgte Kontaktaufnahme mit mir, der vereinbarte Treffpunkt und der angeblich letzte Auftrag. Ja, es ist der allerletzte Auftrag. Ich habe ihn bewusst angenommen, obwohl ich die Falle sofort witterte.   

Am frühen Morgen soll ich nach oben kommen. Ich lache laut. Hierher hat er sich nicht getraut, ich mache ihnen immer noch Angst.

Voll konzentriert stehe ich auf und ziehe mich an, zuerst die schwarzen feinen Lederschuhe, stecke meine mattschwarze Magnum Research Desert Eagle in das Schulterhalfter. Danach binde ich den schwarzen Seidenschlips um und schlüpfe zuletzt in das feine schwarze Jackett. Streiche mir mit der rechten Hand die schwarzen Haare glatt. Hunger oder Durst verspüre ich nicht. Es wird Zeit, sicher wartet schon jemand da oben auf mich. Ich öffne die schwere Tür leicht und geräuschlos. Ohne mich umzudrehen, gehe ich den Schacht mit den vielen silberglänzenden Rohren an der Decke entlang in Richtung Ausgang. Ich befinde mich direkt unter einem großen Wohnblock am Rande von Berlin. Dann steige ich die Kellertreppe hinauf, das Haus steht leer. Die Sonne geht gerade auf, leichter Nebel liegt über den Rasen vor dem Häuserblock. Ein altes Kettenkarussell steht verloren zwischen dem Block und den weiten Wiesen. Ich denke: Was macht ein Kettenkarussell hier in dieser trostlosen Einöde? Das gehört zur Falle, meldet sich mein Unterbewusstsein.

Kein Mensch ist zu sehen, kein Vogel, nichts. Es wirkt unwirklich, wie in einem schlechten Film. Ich muss die Augen zusammenkneifen, denn meine Sonnenbrille habe ich nicht mitgenommen. Ich spüre, es ist gleich soweit. Der Feigling wird mich aus seinem Versteck abknallen, natürlich von vorn, in den Rücken ist unehrenhaft für die zukünftige Nummer 1.

Ich schaue mich langsam und aufmerksam um. Es ist nichts Interessantes zu sehen. Dabei spüre ich körperlich den Lauf einer Waffe auf mich gerichtet. Was für ein Waschlappen! Traut sich nicht einmal heraus, Mann gegen Mann. Links von mir steht das Karussell und wirft Schatten auf meine gemarterten Augen. Hinter mir schaut der graue mehrstöckige Wohnblock mit seinen leeren schwarzen Fensteraugen wie ich, über die bunten Blumenwiesen zum wolkenlosen blauen Horizont. Was für ein wunderschöner Sommermorgen. Ich bin jetzt ruhig und spüre Erleichterung, ja sogar Freude. Ich erwarte den erlösenden Tod. Heute ist mein Tag!

Ich wache auf. Es ist dunkel und still. Neben mir atmet meine Frau leise ein und aus. Ich hole tief Luft. Die Bilder gehen mir nicht aus dem Kopf, was für ein Traum!

Ingo Ebert – Mai 2019 – VHS -Kurs (Kellertreppe)

Titelbild: Kohlezeichnung von Andrea Schramek @andiart

© 2020 Ingo M. Ebert
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Autoren wiedergegeben werden.

1 Comment

  • itzebitze_kunst
    2 Jahren ago

    Hallo Ingo, hoffe, Du konntest an diesem Deinem Tag trotzdem noch etwas zustandebringen. Habe deine Geschichte gern bis zum Ende verfolgt. Danke

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